Es war diesen Dienstag so gegen halb drei, als ein Mail mit dem Betreff „Fehler bei Ihren Mediendaten?“ bei mir im Posteingang klingelte. Ich lese von einem ziemlich besorgten Kunden unter anderem die Zeilen: „im Artikel des Tagesanzeigers wird Ihre Site nicht unter den Top-Ten aufgeführt. Scheinbar sind die von Ihnen kommunizierten Messwerte über Ihre Reichweite und Userzahlen nicht korrekt, denn der Artikel bezieht sich auf eine aktuell durchgeführte Studie der Universität St. Gallen…“
Bevor ich dem geschätzten Kunden eine Antwort geben wollte, bin ich raus aus dem Büro, ab an den nächsten Kiosk und habe den Tagi vom 27. März gekauft (auf dem Weg kam mir in den Sinn, dass ich gar nicht weiss, wann ich zum letzten Mal eine Zeitung gekauft habe) und musste dann bei der Lektüre einfach schmunzeln:
Top-Ten-Liste der Internetseiten in der Schweiz
Diese Internetseiten werden am meisten besucht in Prozent
1. google 24.67
2. bluewin 5.57
3. hotmail 5.57
4. gmx 3.88
5. wikipedia 2.15
6. yahoo 1.99
7. sbb 1.94
8. unil 1.58
9. nzz 1.48
10. youtube 1.43
Für alle die es nicht wissen: unil ist die Site unil.ch, von der Uni Lausanne. So stand es am Dienstag 27. März im Tagesanzeiger auf Seite 29 im Wirtschaftsteil. Das hat mich natürlich ein bisschen erstaunt, denn vor kurzem las ich doch in verschiedenen Tickern und Offlinetiteln dass der partyguide.ch am meisten Page-Views macht. Was ist wohl wichtiger, liebe Mediaplaner und Marketingleiter: Prozent oder Page-Views? ☺
Aber egal, ich habe ja immer noch mein Problem mit dem Kunden, der Zweifel hatte, ob er uns glauben soll oder dem Wirtschaftsteil des Tagesanzeigers. Vor allem weil der Tagi noch einen Professor zitiert der immerhin Leiter des Institutes für Marketing der Uni St. Gallen ist. Was auch in dem Mail meines Kinden stand. Mmmh – schöner Mist, was jetzt?
Dem Wetter entsprechend erst mal ‘ne Glace beim Kiosk gekauft und dann habe ich mich genauer über den Artikel gebeugt und dabei wirklich interessante Sachen gelernt. Jetzt ist es also so, dass nicht nur über die vermeintlich grössten Sites und Shoppingportale berichtet wird, sondern auch über das tolle Wort “Web 2.0″. Was dieses Web 2.0 alles kann sagt uns der Tagi (oder die Uni St. Gallen) in einem Satz: „Es gebe Betriebe, die selbst Logos und Marken von Nutzern erfinden lassen, sagt Rudolph: “Einen Marketingchef braucht es dann nicht mehr”.“
Mit Rudolph ist nicht eines von Stanta Claus’ Rentieren oder der Autor des Artikels gemeint, sondern der eben schon erwähnte Professor, Marketingexperte und Studienleiter Thomas Rudolf von der Uni St. Gallen. Lustig, dass gerade der Leiter des Institutes für Marketing sich mit so einer Aussage eigentlich selbst überflüssig macht☺.
Wieder im Büro zurück kam ich langsam aber sicher unter Zugzwang, ich musste meinen Kunden beruhigen. Da kam mir doch die Idee, dass der Tagi vielleicht in seiner Online-Ausgabe den Artikel noch ergänzen könnte mit den Hinweisen, wie die St. Galler Studie zu den Werten kam, wie da der methodische Ansatz war, welches n wir an Fällen zur Verfügung haben – denn darüber war nichts zu lesen. Dann würde es mir bestimmt leichter fallen, mit meinem Kunden die Sache wieder gerade zu biegen.
Denkste. Auf meinen Hinweis beim Tagi, dass die Studie der St.Galler wohl ein Problem mit der Stichprobe haben muss, wenn die Uni Lausanne Platz 8 belegt und weder serach.ch, noch das gigantische Migros-Netzwerk, noch die äusserst beliebten Partysites in das Ranking gelangen, gab es vom verantwortlichen Ressortleiter Wirtschaft die Antwort: “Wissen Sie Herr Azzati, wir kennen das ja auch mit den Lesern pro Ausgabe, das ist ein Wert der von der WEMF erhoben wird und der stimmt ja auch nicht.“ (Randnotiz: neben dem Artikel vom 27. März ist ein Kasten mit einem PR in eigener Sache vom Tagi. Darin loben sie sich, dass sie weiterhin die drittgrösste Tageszeitung sind. Und berufen sich dabei auf die WEMF. Mmmmh – stimmt das jetzt oder nicht?)
So schnell wollte ich aber nicht aufgeben und hakte noch mal nach mit den Argumenten NET-Audit, NNR (ex MMXI), WEMF Comis (leider viel zu früh abgesetzt), MA Net, MA Strategy, ja selbst die noch kommende NET-Metrix konnten ihn nicht davon abbringen, den Resultaten aus St. Gallen weiterhin blind zu Vertrauen, denn als ich ihn mit meinen Servermessungen und Onsite-Befragungen langsam aber sicher ziemlich nervte meinte er: “Wer sind Sie denn? search.ch hat für mich keine Relevanz gegenüber einer Uni St.Gallen. Das war’s jetzt dazu.” Und fertig war das Gespräch.
Blöd – jetzt war ich immer noch keinen Schritt weiter und wusste nicht so Recht, wie ich jetzt dem Kunden das Vertrauen in unsere Kommunikation wieder zurück geben konnte. Also tat ich, was Südländer am Besten können: Ich liess die Zeit ungenutzt an mir vorüberziehen und sagte mir, dass ich am Mittwoch sicher eine Idee haben werde, was ich meinem Kunden antworten werde.
Mittwochs war da ein Zettel an meinem Bildschirm angeklebt mit der Notitz „Kunde XY hat angerufen, bitte sofort melden nach Meeting“. Mist, jetzt muss ich also dem Kunden sagen, dass er mit seiner Meinung nicht Recht hat, ich aber keinerlei Beweise dafür habe, dass die Uni St. Gallen nicht Recht hat, weil ich nichts über die Studie weiss. Doch meine Befürchtungen waren umsonst, denn als ich den Kunden am Telefon hatte sagte er mir unter anderem: „Aber als Sie gestern nicht umgehend reagiert haben, habe ich mich selber über die Studie aus St. Gallen informiert und dabei gelesen, dass dazu 1000 Passanten auf der Strasse (eine Art Streetparade?) befragt wurden. Ich bin lange genug im Geschäft um zu wissen, dass diese Zahlen, auch wenn Sie von der Uni St. Gallen kommen, einfach wertlos sind. Ausserdem hat die NZZ meines Wissens weder gestern noch heute darüber berichtet, da kann also nicht so viel dahinter sein. Wir sind froh, wenn Sie uns weiterhin mit Ihren Marktdaten ausrüsten. Wir sind ebenfalls der Meinung, dass es die Marketingleiter nach wie vor braucht.“
Puuh, Glück gehabt und muchos gracias NZZ. Aber Scherz beiseite. Leider wird auch die bald publizierte NET-Metrix solche Irrungen und Wirrungen nicht verhindern können, denn solange es die Marketingleiter noch braucht, wird es auch das Institut für Marketing geben und es werden immer wieder solche Studien gemacht, die unter irgendeinem Aspekt sogar das Wort „repräsentativ“ benutzen dürfen und es wird immer wieder Redaktionen geben, die unter Kostendruck stehend alles abrucken, was aus einer scheinbar gesicherten Quelle sprudelt. Hauptsache man musste nicht selber darüber nachdenken. Das empfehle ich aber allen, die sich mit Studienresultaten zum Internet befassen. Egal ob jetzt NNR, NET-Audit oder NET-Metrix als Basis genommen wird. Auf jeden Fall freue ich mich schon jetzt auf den Artikel im Tagi wenn es dann heisst: „Marketingleiter doch wieder nötig – NET-Metrix publiziert die ersten Resultate“ ☺.





