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Second Life: eine kritische Würdigung

von Adrian Locher

Logo Second Life Im Auftrag eines Kunden zwecks Findung und Evaluierung von Business Cases zur Vermarktung von Content aus Web-Portalen, habe ich mich heute einen Tag lang auf der momentan stark gehypten Plattform Second Life umgesehen. Die Learnings in Kurzform:

  • Nach der Anmeldung und dem Download des Software-Clients braucht es erst einmal etwas Angewöhnungszeit, denn die Usability sowie auch das Handling des Charakters in der 3D-Welt lassen teilweise etwas zu wünschen übrig.
  • Der erste Eindruck, wenn man sich durch Second Life bewegt: es handelt sich hier um einen überdimensionalen Chat-Raum. Second Life ist aber mehr einerseits, andererseits aber eigentlich auch nicht viel mehr.
  • Mehr weil die Möglichkeit, mit einer sehr mächtigen 3D-Engine Gegenstände wie Kleider, Accessoires und sogar Immobilien oder Autos vom Benutzer mit der nötigen Übung und Geduld selbst kreiert werden kann. Gerade in dieser Form gibt es viele Leute die in Second Life bereits ihren Lebensunterhalt bestreiten (Architekten, Designer, etc.)
  • Und nicht viel mehr, weil schlussendlich das ureigene Bedürfnis aller User in erster Linie in der Kommunikation und Interaktion mit anderen Usern zu suchen ist. Ein Grossteil der Umgebung und Möglichkeiten dient also lediglich dem „Enabling“ und der besseren Visualisierung dieser Kommunikation. Aus einer kritischen Betrachtungsweise lässt sich also die Frage stellen, wieso es die gesamte, sehr aufwändige Umgebung überhaupt braucht. Zumal gerade die zahllosen, sozusagen unendlichen Möglichkeiten mit der eigenen Umgebung zu interagieren, ja sich im eigentlichen Sinne selbst darzustellen enorm viel Zeit vom Benutzer abverlangt.
  • Dass die Plattform aber trotzdem ganz offensichtlich sehr viele Anhänger findet, zeigt ein Blick in die Statistiken, in die Daten des Second Life Census: Die etwas über 3 Mio. angemeldeten User (Stand Januar 2007) stammen primär aus den USA (31.19%), Frankreich (12.73%) und Deutschland (10.46%). Aus der Schweiz stammen lediglich 1.29%. Interessant ist aber auch die Streuung über die verschiedenen Generationen: während die zweitgrösste (18-24 Jahre, 27.46%) sowie die grösste Gruppe (25-34 Jährige, 38.78%) nachvollziehbar sind, erstaunt doch sehr, dass die Gruppe der 35-44 Jährigen doch immerhin 21% ausmacht. Welche andere, mehrheitlich spass-orientierte Social Community kann das schon von sich behaupten..?
  • Sex sells! Die alte Weisheit bestätigt sich auch auf Second Life in vielfältiger Form immer wieder: Die Orte und Plätze rund um das Thema Sex gehören zu den mit grossem Abstand meistfrequentierten Zonen des Spiels. Nirgendwo sonst finden sich pausenlos so viele und vor allem sehr kontaktfreudige Protagonisten. Die Locations werden grösstenteils von Unternehmen aus dem Bereich Online Adult Entertainment betrieben und bieten dem Besucher Videos und Trailer, Bekleidung und Accessoires (die sich der oder die Protagonist/in natürlich auch anziehen kann), Spielzeuge etc.
  • Aber auch diverse grosse Weltkonzerne wie IBM, Sony, REUTERS u.ä. (vollständige Liste) haben denn Reiz von Second Life entdeckt und eigene Residenzen und Repräsentationssitze eingerichtet. Sie bieten dort Waren und Dienstleistungen, zu einem grösseren Teil kostenlos, an. Ihre Intention ist also weniger das direkte generieren von Umsätzen als vielmehr das schaffen von Brand Value und Image-Werbung.
  • Mit AvaStar gibt es für die Bewohner von Second Life auch bereits eine ständig aktualisierte Newsplattform und Tageszeitung im Stil der deutschen Bildzeitung, herausgegeben durch den Springer-Verlag (aktuellste Ausgabe).

Business Cases zur Vermarktung und/oder Promotion von Web-Content

  • Kauf von Land und Bau eigener Immobilien inklusive frei gestaltbarer Umgebung zur dynamischen Einbindung von Content in Form von Videos, Classified Ads, Text, u.ä.
  • Videos und Werbe-Content als Tafeln, Würfel u.ä. durch Miete einer Stellfläche (an guten Lagen)
  • Avatar (angemeldete Person/en) und aktives One2One Marketing
  • Werbung in AVASTAR (Bild.T-Online.de)
  • Ladenfläche in Shopping Mall mieten
  • Möglichkeit Videoscreens auf fremden Plätzen aufzustellen (Affiliate-Systeme)
  • Werbeplatzierung in „AD the HUD“ (Ort wo SL-Benutzer Geld verdienen können, indem Sie sich Werbung anschauen)
  • Einbindung von Internet-Affiliate-Systemen (wie beispielsweise das von Amazon) in einen Second Life Store (Case zu einem kleinen Londoner Verlag, der dies umgesetzt hat)
  • Werbung (Affiliate-System) über AdBoard

Weitere Infos und Communities zum Thema Second Life

Beitrag ursprünglich publiziert auf blog.zimtkorn.ch, am 13. Februar 2007


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16 Kommentare zu “Second Life: eine kritische Würdigung”

  1. INDAL - blog - Jörg Friedrich schrieb:

    [...] Ein paar Tipps zum Thema (aus den letzten 60 min) http://www.fuellhaas.com/2007/03/13/social-networks-ungebremst-im-trend/trackback/ http://www.spreeblick.com/2007/03/13/per-anhalter-durchs-web-20/trackback/ http://bernetblog.ch/2007/03/13/nachrichtenagenturen-setzen-auf-blogger/trackback/ http://www2.dealicious.de/2007/03/13/die-web-20-business-modelle/trackback/ http://blog.internet-briefing.ch/2007/03/13/second-life/trackback/ [...]

  2. Andreas Häuptli schrieb:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Ein grosses Problem sehe ich in der Erreichbarkeit im B-to-B-Geschäft.

    Bei allen grösseren Unternehmen mit ernstzunehmender IT-Security dürfte einerseits das Installieren des Clients nicht zugelassen und andererseits die Nutzung von SL durch die Firewall-Einstellungen verunmöglicht sein.

  3. Adrian Locher schrieb:

    Das ist richtig, allerdings gehe ich davon aus, wie so bei vielen Programmen, dass mit zunehmender kommerzieller Nutzung und Anwendungen auch im B2B-Bereich halt jeweils die entsprechenden Ports freigeschalten werden.

    Ein enormes Potenzial sehe ich aber erstmal im B2C Onlineshopping, wo es mit zunehmender Bandbreite und immer besserer Grafik möglich sein wird, Produkte in 3D anzuschauen und – für mich eines der Killerargumente – beraten zu werden. Somit wird eines der bisher stärksten Argumente für den stationären Handel (gerade im Bereich Consumer Electronics) egalisiert..

  4. Reto Hartinger schrieb:

    Wenn wir in 3D Welten einkaufen, verlieren wir aber gerade einen entscheidenden Vorteil des Onlineeinkaufs – die Geschwindigkeit. Das Durchwühlen durch die Onlinewelt braucht Zeit, viel Zeit und 3D kann immernoch kein haptisches Erlebnis herbeizaubern. Wir befinden uns auch in einem schwerelosen Raum. Nö – ich glaub nicht daran. Dass sich E-Commerce darin entwickelt ist schon klar – aber eher aus Langeweile und aus Neugier statt als bewusstem Prozess.

  5. eBusinessblog.ch - Braucht Ihre Firma eine Second Life-Filiale? schrieb:

    [...] Ebenfalls sehr hilfreich ist diese kritische Würdigung von Second Life bei Internet Briefing, von wo aus einige interessante Links weiterführen. [...]

  6. Adrian Locher schrieb:

    @Reto: Da bin ich nicht Deiner Meinung. Bei der Beurteilung der Chancen dürfen wir uns nicht auf den status quo von Second Life abstützen, denn das ist tatsächlich momentan noch hakelig in der Bedienung, die Bewegungen sind nicht flüssig und die Grafik noch nicht atemberaubend. Wie die meisten Breitbandanwendungen wird sich aber auch hier noch gewaltig etwas tun und sobald die Bedienung Deines alter ego in Second Life iso effizient ist wie im Real Life, wirds spannend.

  7. Thomas Kolb schrieb:

    Hallo – auch wenn ich hier Widerspruch ernste:

    ich versteh den ganzen Hype absolut nicht…

    Zum einen ist so eine Muldi-User-Dimension nun wirklich keine Second-Live Erfindung — zum anderen fehlt mir hier einfach der Sinn.
    Es ist für mich eine riesig aufgepeppte Chat-VR-Umgeung.

    In anderen Welten gibt es Quests, Abenteuer, Aufgaben.. Charaktere mit Eigenschaften, Skills, Zaubern und jeder Menge Items, die im SPIEL genutzt werden können und den Chat als Kanal obendrein.

    Über den Sinn von Cybersex mit “übertriebenen Avataren” will ich mich mal besser gar nicht auslassen…

    Was jedoch der Haupt-Punkt ist, der mich stutzig macht:

    * Wie steht es um all den Commernce, wenn “das Grid” abstürzt? Sei es durch dDos oder einfache Überlastung – oder einen Stromausfall?

    * Wie steht es um die Rechtslage innerhalb der Welt?
    Es ist doch noch nicht mal der Wechselkurs in reale Währung fest…

    Mir scheint, man springt hier massenweise auf einen Zug auf primär deswegen, weil es so viele wohlklingende Firmennamen ebenfalls tun… wobei ich mich wundere, dass man dabei so viel Risiko eingeht. Primär meine ich hier das Ausfallrisiko ohne echte Gewährleistung was mit all den schönen L$ im Wost-Case passiert.

    PS: ich bitte dies lediglich als persönliche Meinung und sicher nicht als Angriff zu verstehen.

    Schöne Grüße,
    Thomas kolb

  8. Marcel schrieb:

    Interessanter Kommentar mit viel spannenden Infos.

    meine Frage: gibt es in Second Life auch schon Kinos? so im Stil von mit dem Avatar ins Kino und dort die aktuellsten Filme von Paramount Pictures,… schauen?

    (mache eine Seminararbeit, und über dieses Thema habe ich leider nichts gefunden. möglich dass ich etwas übersehen habe…)

  9. Adrian Locher schrieb:

    @Marcel: Ein Kino im eigentlichen Sinne habe ich noch nicht gesehen, Du kannst aber sicher davon ausgehen, dass es nicht allzulange dauert, bis die mittlerweile (durch mp3) doch etwas internet-affiner gewordenen Studios und Verlage auch diesen Kanal entdecken werden. Im Bereich Sex&Porn gibts zumindest bereits erste “Video Rooms”..

  10. Reto Hartinger schrieb:

    Marcel, die Studie würde mich interessieren. Vielleicht kannst Du das auch einmal beim Internet Briefing vortragen. Nimm doch mit mir Kontakt auf insider@vtx.ch

  11. Internet Briefing Blog / Orbit iEX schrieb:

    [...] war gleichzeitig auf dem Stand und in Second Life. Während seiner Demo ist sogar tatsächlich jemand auf seinem virtuellen Stand vorbei [...]

  12. iPhone News schrieb:

    3 Millionen iPhones für den Start

    Noch vor kurzem war die Rede von ca. 3 Millionen iPhones für das Jahr 2007.
    Jetzt berichtet aber die Business Week, dass beim Start am 29. Juni bereits 3 Mio. iPhones erhältlich sein werden.

    Nach dieser Prognose dürfte also jeder wi…

  13. second lifer schrieb:

    @thomas: du hast second life noch nicht verstanden.
    da es kein spiel ist, macht es auch keinen sinn nach dem sinn zu fragen. beim internet machst du das ja auch nicht und sagst, es wäre nur ein großer chatroom, nur weil man im internet AUCH chatten und AUCH spielen kann.
    wenn server, die z.z. nur bei linden stehen abstürzen, so ist dies, als würden andere server im internet ausfallen. der kontostand inworld ändert sich dadurch nicht ;)
    und welche währung auf dieser welt hat einen festen wechselkurs?
    betrachte sl doch einfach als logische weiterentwicklung des internet, so wie es das www einmal war, mit all seinen möglichkeiten und gefahren…auch in punkto rechtslage greifen die gleichen argumente wie beim www.
    gruß
    life

  14. Internet Briefing Blog / Second Life im Internet Briefing schrieb:

    [...] hier eine kritische Würdigung von Second Life von Adrian Locher. Sehr spannend. yigg this! — save to [...]

  15. Internet Briefing Blog / Second Life mit eigener Boerse schrieb:

    [...] Life mit eigener Boerse von Reto Hartinger Second Life überrascht mich immer mehr. The World Stock Exchange sitzt für einmal nicht in New York, [...]

  16. Internet Briefing Blog / Der Tod der 3D-Welten schrieb:

    [...] Second Life ist es ruhig geworden. Man hört nicht mehr jede Woche eine Story über und aus Second Life. Auch unser letzter Beitrag ist ein Jahr alt. Heisst das, dass auch Second Life am Ende [...]

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