Wer muss geschlagen werden?
In vielen Seminaren frage ich die Leute: “wer mag Hover Ads – die Banner, welche über die Webseiten gelegt werden?” Noch NIE hat irgendjemand sich gemeldet. Im Gegenteil, alle finden diese Form der Werbung doof. Nur eine Marketingperson schwärmte von der Klickrate – sie hat bis heute nicht herausgefunden, dass die meisten Klicks erfolgen, weil die Leute das Banner wegklicken wollen.
Ich frage mich an dieser Stelle, wer muss geschlagen werden:
- Die Plattform, welche ihren Besuchern einen solchen Mist zumutet?
- Der Werbemittler, welcher den Kunden eine Werbeform vermittelt, über die sich die Kunden nerven?
- Die Agentur, welche schlechte Werbeformen entwickelt?
- Oder der Auftraggeber, welcher solchen Unsinn zulässt?



Rafael schrieb:
Wenn man es mit ein paar Schlägen richten könnte würde ich wohl auch anfangen zu trainieren, so einfach ist das aber nicht. Ich sehe in erster Linie die Betreiber einer Website in der Verantwortung, welche Werbung sie ihren Usern zumuten und welche nicht. Wir wurden bestimmt schon 1000fach angefragt ob wir so was machen (so im Schnitt alle drei Tage :-)) aber wir bleiben auf unserer Linie dass Werbung in keinem Fall Content auf der Site überdecken oder stören darf. Nicht nur monströs aufpoppende Flashes gehören dazu, auch Default-Sound bei Streaming-Formaten nervt enorm – vor allem wenn man nach Adressen oder Telefonnummern sucht. Und mir ist auch kein anderer relevanter Verzeichnisdienst im europäischen Raum (abgesehen von Community-Sites die von hypegeilen Web 3.-Nullen als Verzeichnisdienste der Zukunft hochgejubelt werden) bekannt der offensiv mit diesen Werbeformen umgeht. Ich erinnere mich an Versuche von T-Online 2005, seither ist mir das nicht mehr aufgefallen. Und die Paginas Amarillas aus Spanien experimentieren auch immer wieder rum, aber nie so im Dauereinsatz wie bei den Verlegersites.
Ich möchte aber auch was zum Nerv-Faktor dieser Ads sagen. Der wird nämlich von uns Internet-Spezialisten überschätzt, deswegen sind die Marketingspezis auch so begeistert über die Action, die mit solchen Ads ins Haus kommt. Natürlich gibt es Studien (Nokia hat das untersuchen lassen, finde den Link dazu nicht mehr), die der werbenden Marke einen Imageverlust geben wenn sie mit solchen Mitteln arbeitet, doch liest man die Untersuchungen genau kommt dabei heraus, dass dieser Imageverlust nur ganz kurz wirkt und eh noch auf mehrere Schultern verteilt wird, so bekommt auch die Website ein schlechteres Rating als vorher. Kurze Zeit später “vergisst” das Markenbewusstsein der Konsumenten die störende Art der Werbung wieder und es bleibt nur noch das Gesamtbild der Marke – und das war schon vor der Werbung entweder positiv, negativ oder neutral. Mit dem Vorteil für den Marketingmensch, dass er Perfomance an seine Führung melden kann.
Konsequenz daraus ist, dass es für den Werber nur von Vorteil ist, mit solchen Werbemitteln an den Start zu gehen. Die Performance an reinen Klicks ist zwingend höher als bei allen anderen Formen (die Preise dafür auch, aber egal:-)) und darum geht es den Makretingmenschen – ich bin ja auch einer und nehme (fast) alles mit, was dazu führt dass sich Menschen mit meiner Marke beschäftigen.
Ich kann die Marketingleiter gut verstehen, die solche Werbemittel fordern. Stell Dir ein Plakat vor, nehmen wir mal das von Sloggi mit den schönen Füdli, neben dem Plakat stehen ein knackiger Bademeister und seine sportliche Schwester und die sagen jedem Passenten “Hey, schau mal auf’s Plakat” – gäbe es so was für 20% Aufpreis bei APG wäre es wohl bald so wie bei dem Film von TC der MR heisst (der kleine Sektenmann in einer Zukunftsvison der Verbrechensbekämpfung – den vollen Titel aus Urheber-Gründen hier nicht ausgeschrieben, sonst wird Reto noch abgemahnt). Als er durch eine Bahnhofspassage läuft wird er ständig von Displays angequatscht – Floating Screens sozusagen…
Die Dinger kriegen wir im Internet nicht mehr weg, es wird eher schwieriger, auszuweichen. So ist es halt in “unserem” Medium, was gemacht werden kann wird auch gemacht. Verantwortliche für nervende Online-Werbeformen zu suchen/finden und die dann abzustellen ist in meinen Augen so sinnlos wie sich bei der Evolution zu beschweren, warum der Staubsaugervertreter der an jeder Tür klingelt mehr verkauft als der Vertreter, der jedem nur ein Bild von einem Staubsauger schickt. Laut wird einfach besser wahrgenommen als leise – leider gilt das für alle Zielgruppen die es überhaupt gibt.
Kommentiert am 16-Jun-08 um 10:40 am | Permalink
Reto Hartinger schrieb:
Ja Rafi du hast vollkommen Recht. Kannst Du Dich noch an die Bluewin-Branding-Studie erinnern. Da kam sogar heraus, dass die nervigen Ads sogar noch besser konvertiert haben. Dass mir das nur kein Werber liest.
Was mich an dieser Werbung vor allem stört, ist die lausige Programmierung. Da wird ein Flasch gemacht, dass sich aufpoppt. Es kommt also zuerst als Banner daher, wenn der User darüber fährt, wird es grösser. Das Ding ist dann aber so lausig programmiert, dass es immer auf der unsichtbaren Fläche klickbar ist. So sind die Leute die im Telefonbuch eine Suche machen wollten ständig auf der Werberseite gelandet als sie ins Suchfeld geklickt haben. Und damit die Klickrate dann noch wirklich gut kommt. Haben sie ja auf den Backbutton gedrückt und dann nochmals in telseach-Suchfeld und wieder landeten sie beim Werber.
Das ist nur ein Müsterchen. Die vielen Stunden die wir dann damit verbracht haben den Auftraggebern zu sagen wo der Fehler liegt, wie sie ihn beheben können, haben dann nichteinmal die 3000 Fränkli Umsatz gedeckt, die wir erhalten haben.
Ich hoffe es ist besser geworden.
Kommentiert am 16-Jun-08 um 7:46 pm | Permalink
ThomasK schrieb:
//So ist es halt in “unserem” Medium, was gemacht werden kann wird auch gemacht. //
Oh ja — da steckt so viel bittere generische Wahrheit in diesem Satz! Ein guter Spruch für ein T-Shirt.
Das Thema an sich bechäftigt ja durchaus.
Hier der Querverweis zum Bloggingtom:
http://bloggingtom.ch/archives/2008/05/09/der-frust-mit-layer-ads/
Nach einer “Woge an Meinung” — ging es bei Tom auch um die Frage nach Alternativen Einnahmequellen für Site-Betreiber — und um die Raten.
Im Moment sträube ich mich, die “gute Konversion” wirklich zu akzeptieren, weil ich (ohne Zahlen, Daten, Fakten) unterstelle, dass ein hoher Anteil der Site-Besucher unfreiwillig zustande kommt.
Wäre wirklich die Frage, ob die gute Konversion bei dieser Werbeform BIS ZUM ZIEL — dem verkauften Produkt bzw der Kontaktaufnahme zu Stande kommt — und damit FREIWILLIG?
Oder ob nicht doch ein X-Faktor an Zahlenspiel dabei ist, speziell im internen Reporting (des Erfolges der Aktion)?
//Verantwortliche für nervende Online-Werbeformen zu suchen/finden und die dann abzustellen ist in meinen Augen so sinnlos wie sich bei der Evolution zu beschweren, warum der Staubsaugervertreter der an jeder Tür klingelt…//
Auch da ist viel Wahres dran — zumal ich diese Evolution schon ne Weile suche, um mich über so manches bei ihr zu beschweren… oder nach diversen Homo-Sapiens-Patches zu fragen :-)
Was ich schlicht nicht ganz “fressen” will, ist dass es wirklich positiv wirkt, wenn man dem Besucher genau das überlagert, was er sehen will… den Content — oder noch schlimmer: Formular-Funktion.
In der einen oder anderen konkreten Form der Gestaltung — speziell auch hinsichtlich klick-sensitiver Transparenz — sorry — schlicht verarscht?
Kommentiert am 17-Jun-08 um 10:51 am | Permalink