search.ch geht zu Tamedia – Hintergründe
Die News wurde bereits vor zwei drei Wochen irgendwie bekannt. Ein grosses Werweissen um die Strategie hat es nicht gegeben und ob tamedia nun der richtige Käufer für search.ch wäre. Gibt es den richtigen Käufer überhaupt. Als die Post search.ch übernahm, gab es einen kleinen Aufschrei. Viele hatten der Post nicht viel zugetraut und search.ch schon fast abgeschrieben. Wir hatten damals mit Google, Publigroup und der Post ernsthaft verhandelt. Bernie wollte an Google, Ruedi an die Post und ich an die Publigroup verkaufen. Ein Verkauf an Google hätte bedeutet, dass ausser den Technikern das gesamte Personal hätte entlassen werden sollen. Ein Sozialplan oder eine Abfindung war von Seiten Google nicht angedacht, so hätten wir aus dem Verkaufspreis selber einen solchen finanziert. Schliesslich lag auch Googles Angebot über dem der Konkurrenten. Aber auch das hätte für uns einen schalen Beigeschmack gehabt. Ich hätte Werner Mattle (damals glaub ich gegen 55), Franz Römer (damals fast 50) und Roland Inderbitzin nicht sagen wollen “Jungs es war toll, wir sind Millionäre geworden. Wir hatten eine tolle Zeit miteinander. Hier habt ihr etwas Kohle, wir verschwinden”. Sie haben mit uns die Firma aufgebaut, es war ihre Firma. Sie haben alles gegeben. Sie sind in einen neuen Beruf und ein neues Gebiet eingestiegen. Ein hohes Risiko. Die Qualifikationen dazu hatten sie nicht – die gab es gar nicht. Aber statt junge Neunmalkluge von der HSG, haben wir erfahrene Kämpfer eingestellt die sich entscheiden mussten: ” ja das wird meine letzte Stelle sein. Es wird schwierig, aber ich packe das”. Es war schwierig und sie haben es gepackt. Da blieben also noch die Post und Publigroup. Die Post mussten wir über die Verkaufsverhandlungen mit Google informieren, weil wir mit ihnen ein gemeinsames Projekt aufgesetzt hatten, das uns jährlich zusätzlich mindestens 600 000 Franken Reingewinn über die nächsten 5 Jahre garantiert hätte. Wir waren also zu dem Zeitpunkt nicht schlecht aufgestellt. Die Post hätte den Verkauf von tel.search.ch und map.search.ch Einträgen übernommen und uns entsprechende Einnahmen garantiert. Plötzlich mussten sie sich überlegen, das Projekt einstampfen oder die Firma search.ch zu kaufen. Die Publigroupe hat irgendwie Wind von den Verhandlungen bekommen und mich angerufen. Ihr erstes Angebot war lächerlich, das zweite war dann sogar besser als jenes der Post. Der Earnout aber über 3 Jahre und hätte voraussichtlich jedes Jahr mehr eingeschenkt. Wir haben uns für die Post entschieden, weil sie uns nach einem Jahr die Freiheit gaben. Der Earnout war aber doch über 2 Jahre. So hatte die Post ein Jahr die Verantwortung für etwas, das unseren Preis wesentlich beeinflusst hatte: Der Verkauf der Zusatzeinträge auf tel.search.ch. Sie sind daran kläglich gescheitert, haben das Projekt verlauert. Schliesslich war es gar nicht in ihrem Interesse, dass das sofort abhebt. Erst nach diesen 2 Jahren haben sie ernsthaft vorwärts gemacht.
Die Post hat search.ch aber besser geführt als wir Pioniere. Etwas Management ist ab einem gewissen Reifegrad einer Firma hilfreich. Bei uns hatte jeder Mitarbeiter die grenzenlose Freiheit über seine Zeit bwz. seine Prioritäten. Ok, ausser Rafael Azzati, als mein Assistent war er meine beiden Hände, meine Füsse und ein grosser Teil meines Gehirns. Er durfte von niemanden einen Auftrag annehmen, auch von Ruedi nicht. Ich habe über seine Zeit bestimmt. Dafür haben wir auch alles gemeinsam erarbeitet. Er hat mein ganzes Know How bekommen. Auch nicht einfach. Das Arbeiten mit mir war sowieso nicht einfach – immer am Limit. Die anerkannt beste Führungsmethode ist Management by Objectives. Das war meine, aber das widerum wäre zu einfach gewesen. Das Ziel war zu Beginn nie bekannt, nur die Richtung und am Ziel waren wir erst, wenn wir das Beste erreicht hatten das wir gemeinsam erreichen konnten. So sind die Arbeiten immer wieder von mir zu ihm und zurück gegangen und jeder hat den Anderen verbessert. Bis es super war. Dann haben wir oft nochmals 5 Minuten weiter nachgedacht. War es dann im Markt oder der Vortrag gehalten, haben wir alles und uns nochmals gründlich kritisiert. Wir wollten die Besten sein, wir wollten es am besten wissen, am besten können und am besten machen. Wir mussten uns nie verstecken mit unseren Resultaten, sie waren konkurrenzlos. Danke Rafi. Es war eine schöne Zeit. Rafael Azzati wurde zum besten Kenner der Onlinewerbung und hat sich zu einem hervorragenden Referenten entwickelt. Unter der Post hat er innerhalb von search.ch meine Stelle übernommen. Die Führungsaufgaben hat er mit bravour gelöst. Ich hatte vor allem B2B Marketing gemacht, er hat excellentes B2C Marketing gemacht und damit die Userzahlen von search.ch nochmals gesteigert.
Ich habe die anderen search.ch-Mitkämpfer nicht vergessen – aber aus den Hintergründen ist eine Homage an die search.ch Crew geworden, was wohl die Leser eher langweilt und ich sie nicht weiter auf die Hintergründe warten lassen kann.
Die Post wurde mit search.ch nie ganz warm. Ein Exot. Viel zu wenig Umsatz in einem Milliardenkonzern. Viel zu unbedeutend, strategisch. Deshalb auch der Verkauf. Dass sie trotzdem 25 % behalten haben rechne ich ihnen hoch an. Der Verkauf dient höheren postalischen Zielen. Er ist ein Bauernopfer, damit die Post den Frühzustelldienst behält. Da war es ganz gut ein Argument bzw eine Firma im Köcher zu haben, welche die Verleger unbedingt wollten. Sie haben alle Mitgeboten – auch die Nichtverleger. Der Preis ist ein Vielfaches von dem was wir erhalten haben – schliesslich wurde search.ch durch die Post weiter entwickelt. Für die Post ein Bombengeschäft, hat sich doch unser Verkaufspreis über die Gewinne mehr als amortisiert. Es ist aber keine preisfrage, es geht um die Frühzustellung – damit kann die Post viel mehr Geld machen sollte die WEKO den Deal durchwinken.
Einen Tipp an die Tamedia: Bitte versucht nicht nach Synergien mit Bestehendem im Tamedia Portefeuille zu suchen. Eine erfolgreiche Synergie gibt es nur dann, wenn sie für search.ch erfolgreich ist – sonst macht ihr search.ch kaputt und den kleineren nicht grösser. Spannt die search.ch Leute nicht für andere Projekte bei Euch ein, sie haben schon genug mit search.ch zu tun. Das Grosse grösser machen hat mehr Hebel.



Rafael schrieb:
Reto – was sollen wir darauf noch sagen? Vielen Dank für diese Hommage an unseren Stil.
“Wer es besser weiss, der soll es besser machen” – das war unser Credo in Deinem alten Kellerlochbüro.
Daran halten wir uns nach wie vor. Nochmals Danke von allen hier in Immensee.
Kommentiert am 02-Okt-08 um 10:51 am | Permalink
Reto Hartinger schrieb:
Ich wünsche Euch, dass Tamedia Euch Sorge trägt. Vielleicht ist es schwierig zu verstehen für einen Manager, was “Wer es besser weiss, der soll es besser machen” überhaupt heisst und wahrscheinlich schwer umzusetzen. Das war das grösste Problem das ich persönlich mit der Post hatte, dass genau das nicht mehr galt. Es impliziert:
1. Jeder kann es besser Wissen
2. Jeder der es besser weiss, muss es auch sagen egal auf welcher Stufe er steht
3. Man muss ihm die Chance geben es dann auch machen zu können
4. Man muss ihn verpflichten es auch zu machen
5. Wenns schief läuft sind wir alle schlauer, es fällt aber nicht auf die Person zurück. Fehler müssen gemacht werden sonst gibts kein Risiko (wer bei diesem System zuviel falsch liegt wird sich nicht mehr aus dem Fenster lehnen, wenn er zuviele Fehleinschätzungen macht)
Wenn ich anderer Meinung war als Rafi und er aber felsenfest überzeugt war es würde gelingen so wie er es denke, habe ich eine Prognose abgegeben wie es herauskommen werde, wer und was sie wie verhalten werde und ihm Glück gewünscht – er solle es machen so wie er es denke. Damit kommt es dann oft trotzdem gut, weil der Effort den die Person dann reinsteckt enorm viel grösser ist und weil er die möglichen Gefahren kennt. Wenn es gelang, habe ich mich nicht schlecht gefühlt weil ich nicht Recht hatte, sondern gut, weil wir ein Ziel erreicht haben. Niemand muss Recht haben, Erfolge müssen erreicht werden
Kommentiert am 02-Okt-08 um 11:18 am | Permalink
Peter Hogenkamp schrieb:
Junge Neunmalkluge von der HSG?
Kommentiert am 02-Okt-08 um 6:22 pm | Permalink
yabadabidu schrieb:
Lieber Reto,
Search.ch war Spitze, Vordenkerin, Vormacherin, einmalig und absolut seiner Zeit voraus. Einfach eine Perle.
Sorry, aber das Kind ist heute verstaubt!
An wem es liegt, ist für den Kunden nicht wichtig. Ich schätze die Mannschaft von search.ch sehr und ich hoffe, dass sie wieder den Schub und die Freiheit bekommt, um ihr Baby weiter zu entwickeln.
Ich gehe mir dir einig, dass eine verkrampfte Suche nach Synergien die unternehmerische Kraft hemmt. Aber es gibt noch hervorragendes unternehmerisches Potential innerhalb der tamedia Gruppe und das werden die Search-Jungs und Mädels schon finden, wenn sie dürfen.
Ciao Yabadabidu
Kommentiert am 03-Okt-08 um 8:51 am | Permalink
Mick schrieb:
Sehe es ähnlich. Search war genial aufgezogen. Aber irgendwann kriegt man halt mal einen Tunnelblick, und auf ewig funktioniert die Pioniermasche auch nicht. Ergo war vermutlich das beste was search.ch passieren konnte effektiv der Verkauf an die Tamedia. Und dass sich die search-leute in einem ersten Moment gegen Synergien wehren ist verständlich, bringt aber vermutlich nicht viel.
Kommentiert am 04-Okt-08 um 3:32 am | Permalink
ThomasK schrieb:
Da ich so eben die Sache “aus der Sicht eines Mitarbeiters” gelesen habe, muss mein Kommentar leider ganz anders schmecken, als gedacht.
Ich wollte eigentlich einige Dinge aufzählen (primär Maps), die mir an search-Services gefallen, die ich auch gerne hier in Deutschland hätte — als Nutzer, aus Faulheit, um Zeit und Klickerei zu sparen… und dem Team viel Erfolg wünschen.
*Soifz* So bleibt aber im Moment nur ein bisschen (mehr als eben noch) diffuse Nachvollziehbarkeit aus der Ferne und ein Paket schaler Gedanken über gelegentliche ENERGIE-vernichtende Allyren der Medienwelt und des Kapitalismus.
Dazu kommt ein erstes Erfassen der Wogen an Reaktion, Kommentaren und “Experten-Analysen”, die gerade jetzt wie Pilze aus dem Boden (2.0) schiessen. Zumal Pilze sich von Zersetzungsprozessen ernähren — natürich auch Stinkmorcheln.
Kommentiert am 04-Okt-08 um 12:12 pm | Permalink
ThomasK schrieb:
In dieser Sache zu lesen, verursacht eine gewisse Bitterkeit — zumal aktuell ein Lauffeuer, wobei wohl nicht immer jede Information bis zum Leser dringen soll — wie im Medienlese Wochenrückblick Nr. 40 beschrieben.
Diese Übernahme-Geschichte befremdet auch deswegen, weil der Informationsstand (eines Nicht-Insiders wie mir auf jeden Fall) viel zu viele Fragen offen lässt.
Allem voran, worin der Gewinn liegen soll — sofern es so kommen sollte — eine Firma ohne Team (bzw. Rest davon) übernommen zu haben.
Bedauerlich, dass es KEINE KULTUR DES MEISTERLICHEN in der Branche gibt.
Meister im alt hergebrachten (kunst)handwerklichen Sinne. Meister im Sinne des rastlosen Geistes, der sich seiner Sache verschrieben hat, sie erschafft und als “sein Baby” entwickelt — seltenst alleine — meistens im Team.
Team, Teamgeist und seine konstruktivistische Energie sind “Vater” eines “Kindes”.
Diese Elternschaft ist nicht ersetzbar!
Disclaima: Meine Kommentare sollen weder Angriff auf meine Vor-Kommentatoren sein noch “triefende Solidaritätsblumen” (noch dazu aus .de), die eh nichts ändern.
Kommentiert am 05-Okt-08 um 5:58 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Fahrplan + Map-Api ≠ Fahrplan Map-Api. Ein Beispiel aus dem echten Leben. schrieb:
[...] in der Schweiz bekanntes passioned Team hat eine Map-Api geschaffen, in der nunmal 5 Minuten weiter nachgedacht [...]
Kommentiert am 25-Okt-08 um 9:54 pm | Permalink
leu schrieb:
Tolle Einblicke in die Geschichte von search.ch. Danke!
Kommentiert am 26-Okt-08 um 4:53 pm | Permalink