Der ganze Blödsinn wird wahr
Hier meine Antwort auf Dani Niklaus sehr guten Beitrag “Wir sind Technosnobs“.
Wir nehmen uns einfach oft zu ernst – oder sagen wir zu früh zu ernst. Aber bedenken wir. In den 90ern wurde an der Internet Expo viel Blödsinn über die Zukunft des Internet erzählt. Der Tod der Old Economy heraufbeschworen. Das hat sich dann nicht bewahrheitet aber einen riesigen Aktivismus ausgelöst. Und jetzt, 10 Jahre später, wird doch der ganze Blödsinn Realität. Einfach weil, ob des grossen Aktivismus und ob des Uebereifers der Branche und des daraus resultierenden Crashs, die Gefahr gebannt schien und die Investitionen zurück gingen, der alte Trott wieder hergestellt wurde. Es wird sich jetzt erweisen ob das Internet Geschäftsmodell Mantra Skalierbarkeit auch bei einer schlechten Wirtschaftslage seine Vorzüge hat. GM kann seine Kosten nicht schnell genug zurückfahren. Ihre Kostenstruktur lässt dies nicht zu. Die Einnahmen sind auch nicht zu erhöhen.
Schauen wir uns Google an. Sie könnten wohl 80 % der Belegschaft entlassen und immer noch fast gleich viel Umsatz produzieren. Einzig die Betriebskosten wären nötig. GM braucht Arbeiter um ihre Leistung zu produzieren. Google hat nur Fixkosten und praktisch keine variablen Kosten. In der Google-Economics braucht es nicht einmal Personal oder Geld um den Vertrieb zu gewährleisten. Das braucht GM auch nicht, denn das wird (oder könnte) dem Händlernetz überlassen (oder darauf reduziert werden”. Weil Google auch nie Marektinggelder ausgegeben hat, um Kunden auf seine Dienste zu locken, sind auch diese Ausgaben nicht nötig – GMs Umsatz ist wahrscheinlich hochgradig davon abhängig (glauben sie) ausser sie würden ihr Geschäftsmodell auf völlig drehen und z.B. alle Fahrzeuge nur noch über Auktionen verhöckern (wieso nicht?).
Die Krise beeinflusst die Google Einnahmen. Es sind weniger die Werbekunden die streiken, es wird weniger konsumiert und deshalb zwangsläufig weniger nach Produkten gesucht. Nimmt die Anzahl relevanter Suche ab, gehen sofort auch die Klicks zurück. So dramatisch ist dies vorerst noch nicht.
Google kann weiter Einnahmequellen generieren ohne Kosten, ohne Investitionen.
Aber Google kommt nicht ungeschoren davon. Google baut Kosten ab, konzentriert sich auf das Wesentliche. Die Verträge mit freien Mitarbeiter werden nicht verlängert und nicht lohnende Projekte werden eingestellt, deren Personal auf die besseren umgeschichtet.
Ich bin gespannt auf den nächsten Geschäftsabschluss.
Es ist natürlich einfach, das Internet auf Google zu reduzieren. Aber einen anderen Blödsinn der propagiert wurde “the winner takes it all” ist doch drauf und dran sich zu verwirklichen. Was sind die Brands Yahoo und AOL noch wert? Man erinnere sich an den Börsengang von Yahoo und was der eingebracht und daran, dass AOL Time Warner übernommen hat. Obwohl beide gute Produkte machen, herrscht langsam die Stimmung “der Letzte macht das Licht aus”.
E-Commerce ist in guter Verfassung und wächst immer noch zweistellig. Wer investiert hat, trägt heute und morgen die Früchte. Mir scheint, dass Migros dem Coop im Internet den Rang abläuft. Sind sie zu stark mit Lidl und Aldi beschäftigt? Aber gerade das Beispiel le-shop.ch gibt Danis These recht. Ohne die Old Economy bzw Migros, hätte es le-shop nicht geschafft, ja hätte gar nicht überlebt. Umgekehrt war die Migros auch total erfolglos im Internet unterwegs. Man muss verstehen wie E-Shopping funktioniert, genauso wie man im Laden die Beleuchtung und die Produkteanordnung beherrschen muss.
Am Schluss gehören die Newcommer wenigstens in der Schweiz, den Old Economy Firmen (allen voran den viel belächtelten und verspotteten Verlagen)



Alexander Müller schrieb:
Ich gehe davon aus, dass sie mig GM General Motors meinen. Wenn dem nicht so ist sorry für das Missverständnis. Ursache des Problems bei GM waren nicht die Kosten! GM hat am Markt vorbeiproduziert und Produkte, die heute Absatzschwierigkeiten haben weil sie zuviel Treibstoff verbrauchen. Man kann noch so eine schlanke Kostenstruktur haben, wenn das Produkt nicht gekauft wird, kann man den Laden trotzdem dicht machen.
Kommentiert am 14-Dez-08 um 5:19 pm | Permalink
Daniel Niklaus schrieb:
Danke für das Kompliment :-)
Kann man Google mit GM vergleichen? Google bringt uns zwar die digitale Welt ins Wohnzimmer, aber physisch bewegen sie uns keinen Meter – noch nicht. Stellt sich die Frage, darf man Google mit GM vergleichen oder muss man nicht eher den Branchenprimus Toyota heranziehen? Die reden nämlich auch von 10 bis 15 Milliarden Gewinn im Jahr.
GM ist doch ein hervorragendes Beispiel in Bezug auf die Kosten. GM beziffert seine Lohnkosten pro Stunde etwa auf 69 $ je Mitarbeiter, Toyota dagegen auf 48 $.
Jetzt kommt jeder BWL-Kundige und sagt, dann muss GM ja nur die Lohnkosten der Arbeiter senken und schon ist es o.k. Doch die aktuell arbeitenden Angestellten bei GM verdienen auch nur ca. 48 $. Die hohen Lohnkosten verdankt GM hauptsächlich nicht mehr arbeitenden Mitarbeitern die in den 80er und 90er wegen der Automatisierung mit hohen Pensionskassen- und Gesundheitsvorsorgeversprechen entlassen wurden.
(Wir dürfen in der Schweiz uff sagen, dass es die AHV gibt und wir auch eine Krankenkassenpflicht haben…aber das ist ein anderes Thema)
Die ganze New Economy hat keinen “Ballast” wie GM. Warten wir aber mal 40 Jahre ab, dann wird auch Google & Co. zur Old Economy gehören und junge Branchen lachen über die digitalen Saurier.
Kommentiert am 14-Dez-08 um 9:44 pm | Permalink
Hartmut schrieb:
Gehört zwar nur am Rande dahin. Aber trotzdem. Es wird immer gesagt, dass GM nur wegen den Treibstoff saufenden Trucks am Abgrund steht. Das ist teilweise richtig.
In erster Linie wird klar zu teuer produziert, zum einen weil sie erheblich höhere Löhne zahlen (müssen), zum anderen, weil sie auch für Entlassene während einiger Zeit 90% des Lohnes zahlen müssen (Job Bank – die Leute kommen ins Werk uns sitzen buchstäblich rum). Weiter zahlen sie die Krankenkasse auch nach der Pensionierung und die kostet in de USA einiges. Dies alles wurde von den Gewerkschaften mit monatelangen Streiks so initiiert. Zu den Produkten: GM hat nicht alles richtig gemacht, aber heute mehr Hybride im Angebot als Toyota. Weiter kommen einige sehr attraktive und sparsame Autos hinzu, die nicht schlechter sind als die von Toyota. Aber es können keine Gewinne gemacht werden, da die Kosten extrem sind. Toyota hat übrigens auch einige urige Trucks und SUV’s (wie die deutschen übrigens auch- das wird immer vergessen) im Angebot. Daneben noch ein paar Hybride wie den Prius. Resultat: Toyota verkauft ebenfalls, wie fast alle anderen auch, erheblich weniger Autos. Der Tundra steht wie Blei bei den Händlern. Man spricht hier jetzt auch schon von Verluste in Millliardenhöhe, die sich auftürmen. Nur ist die Finanzlage bei Toyota für solche Extremsituationen viel besser ausgestattet. Denn sie produzieren schlank und kostengünstig. GM hat die Gewinne in guten Jahren viel zu stark an die Aktionäre ausgeschüttet und steht beim geringsten Gegenwind sofort mit Riesenkosten und sinkenden Einnahmen da. Die Produkte von Toyota sind hingegen nicht unbedingt attraktiver. In Deutschland sind sie z.B. die grössten Verlierer in Sachen Marktanteil in diesem Jahr, trotz neuen Modellen.
Aber Toyota produziert schlank, kostengünstig, und mit jungen, nicht gewerkschaftlich organisierten Leuten, mit denen sie alles machen können. Damit holt man auch mit emotionslosen, aber zuverlässigen Produkten gute Gewinne. Das ergibt, zusammen mit einem halbabgeschottetem Heimmarkt eine gute Basis auch grosse Krisen zu überstehen.
Sorge dich in guten Zeiten und setze keinen Speck an!
Kommentiert am 15-Dez-08 um 9:53 pm | Permalink
Reto Hartinger schrieb:
ganz genau Hartmut. Ich finde es auch total daneben anzunehmen, dass hybride Autos die Lösung für den US Markt wären. Sonst gäbe es bereits jetzt viel mehr davon. Wieviel % des Marktes machen Hybridautos aus? Wieviel Kleinwagen?
Das Beispiel GM habe ich genommen, weil es die Flexibilität der Old und New Economy zeigt. Mit was die Old Economy zu kämpfen hat und Hartmut hat ja noch genauer aufgezeigt, wo die speziellen Probleme von GM gegenüber Toyota liegen. Aber man könnte auch Toyota mit Google vergleichen. Käme fast aufs selbe heraus. Uebrigens sind japanische Firmen gegenüber ihren Mitarbeitern auch nicht viel flexibler. Sie können nämlich aus kulturellen gründen keine Mitarbeiter entlassen. Die haben mit ihren Mitarbeitern ein lebenslangen Arbeitsvertrag auch wenn das auf dem Papier nicht so steht. Es ist noch schlimmer – der Vertrag besteht sogar sozusagen mit der ganzen Familie – also auch mit den Kindern die sie einzustellen haben. Aus dieser Unfähigkeit heraus musste z.B. Nissan an Renault verkaufen, damit diese den Mitarbeiterpackt brechen und Leute auf die Strasse stellen – eine japanischer Manager hätte Harakiri machen müssen.
Ich staune, wieso ihr nicht mehr auf Google oder die New Economy eingeht. Wie Dani Recht hat, Google in 20 Jahren wird auch andere Probleme haben wie Google heute. In 20 Jahren werden sie auch nicht viel flexibler sein und auch sie haben ja fast einen Lebens(lust)Arbeitsvertrag mit den besten Programmierern der Welt abgeschlossen. Alle immer Happy, alle immer gratis gut gefüttert und massiert etc. Da ist auch viel Ballast drin, der kulturell und nicht wirtschaftlich bedingt ist. Oder sagen wir so – wirtschaftlich bedingt durch die zu gute Wirtschaftslage. Dies zu Aendern wird nicht ohne Imageverlust gehen. In schwierigen Zeiten genügen intrinsische Anreize um die Besten zu bekommen – in guten Zeiten braucht es viele “nicht nachhaltige” extrinsische Zückerchen.
Ich halte die Google Gründer immer noch für extrem clever, was das Business und die Einnahmeseite angeht. Die werden viel daran schrauben um den Gewinn halten zu können oder wenigstens weniger abzustürzen.
Kommentiert am 15-Dez-08 um 10:24 pm | Permalink
Daniel Niklaus schrieb:
Eine der spannendsten Fragen finde ich: hat eine Firma Erfolg weil sie etwas macht oder trotzdem das sie etwas macht.
Vieles was uns in der Managementliteratur und von Beratern als besonders erfolgreich verkauft wird, ist bei längerer Betrachtung um einiges weniger erfolgversprechend, als angenommen. So lobten wir in der New Economy die flachen Hierarchien. In guten Zeiten merkte niemand, dass dies ein Problem sein kann. Als es dann aber richtig wild im Markt wurde, hat es manch eine Firma wegen dieser flachen Hierarchiestufen vom Markt gefegt.
Für kleine Firmen mag dies ein erfolgversprechendes Modell sein. Sobald aber eine gewisse Grösse erreicht wird, kann das der Tod für eine Firma sein. Nicht umsonst hat die Katholische Kirche eine solch straffe Organisation.
Kommentiert am 16-Dez-08 um 12:50 am | Permalink