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Colayer vs Google Wave: Interview Mit Markus Hegi

von Reto Hartinger

Interview zum

Google erfindet E-Mail neu


Wo liegt denn das Problem mit der ‘alten’ Kommunikationsweise?
Markus Hegi: Da sich heute Online-Kommunikation entlang Tools organisiert, sind die Hauptprobleme die Fragmentierung der Information und die vielen Kopien von ähnlicher Information.
Der Paradigmenwechsel in der Online-Kommunikation führt zu zwei Veränderungen:

Zum einen wird Information nicht mehr nach dem benutzten Werkzeug organisiert, sondern nach dem Kontext, zu dem es gehört. Statt die verschiedenen Kommunikationen im E-Mail oder Chat zu speichern, wird in Zukunft alles an einem Ort zum entsprechenden Thema abgelegt – egal mit welchem Werkzeug die Information entstanden ist. So bleibt zusammen was inhaltlich zusammen gehört.

Andererseits ist das Problem mit E-Mail, dass wir Kopien der Information machen und diese herumsenden, auch an Leute die das überhaupt nicht interessiert. Dies führt zu Informationsüberflutung und im schlimmsten Fall wird deswegen auch nicht mehr gelesen, was man eigentlich hätte lesen sollen. Künftig wird es nur ein Original an einem Ort geben, welches jeder nach seiner persönlichen Relevanz gewichtet einsehen kann.

Wieso hat dann Colayer keine öffentliche Version? Google Wave ist offen und für jedermann zu gebrauchen.
Markus Hegi: Wollen Sie eine ehrliche Antwort?
Ja, bitte
Markus Hegi: Wir sind schlicht nicht in der Lage, den Massenmarkt zu bedienen und wahrscheinlich werden wir es auch mit dem durch Google getriebenen Erfolg nicht sein. Wir konzentrieren uns auf das, was wir am besten können: Firmen ein Produktivitätstool zur Verfügung zu stellen. Bereits dies ist eine gewaltige Aufgabe!
Wir wollen uns dort mit Google messen, wo wir stark sind – den privaten User überlassen wir Google kampflos. Google hat es ja auch einfacher Geld mit der Masse zu verdienen. Google weiss vieles über seine Nutzer. Google analysiert die Inhalte der Dokumente und verknüpft sie mit dazu relevanter Werbung. Damit verdient Google viel Geld. Wir wissen nichts über die Nutzer und uns sind auch deren Inhalte grundsätzlich egal. (lächelt) Ich denke, das kommt uns in der Corporate Welt zu pass.

Ist Google Wave eine grosse Konkurrenz für Colayer?
Markus Hegi: Unsere Konkurrenz ist nicht Google, unsere Konkurrenz ist die alte Art zu arbeiten. Wir sehen Google Wave als Chance für Colayer.

Sie haben bereits im Jahr 2000 begonnen, reiten sie jetzt einfach die “Google Wave” Welle?
Markus Hegi: Google hilft uns beim Paradigmawechsel. (lacht) Ja, wir sind zufrieden. So ganz alleine mit einem solchen Konzept anzutreten war oft schwierig.

Aber Wird Google Colayer nicht früher oder später aus dem Markt drängen?

Markus Hegi: Je erfolgreicher Google ist mit seinem Ansatz, desto erfolgreicher wird Colayer. Google schafft einen Markt und bearbeitet ihn auch für Colayer. Auf der ‘Google Welle’ werden die Benutzer den Paradigmenwechsel verstehen. Aber auch Google hat noch einen langen Weg vor sich.

Sie sprechen aus Erfahrung?

Markus Hegi: Ja, wir mussten sowohl technisch wie auch marketingmässig Lehrgeld bezahlen. Wir sind zum Beispiel mit dem Slogan: “email will be dead soon” angetreten. Da muss ich sagen, der Google Slogan “If email would be invented today: what would it look like?” ist überzeugender. Er hat eine positive Message und wird somit leichter verstanden. Das ist massentauglich. Als kleine Firma konnten wir Kunden und Partner von den Colayer Konzepten überzeugen, aber nicht die ganze Welt. Wir haben uns deshalb auf Firmenkunden fokussiert.

Wo liegen denn die Hauptunterschiede zwischen Google Wave und Colayer?
Markus Hegi: Das Paradigma, wie Informationen und Tools zu organisieren sind, ist sehr ähnlich: Kommunikation findet im Kontext statt, nicht in Tools. Google Wave ist am Anfang der Entwicklung seiner Konzepte.
Die erste Demo von Google Wave war sehr beeindruckend – Aber es genügt nicht, nur Kommunikationswerkzeuge wie Chat, E-Mail etc zusammenzuführen – Damit generiert man mit den verschiedenen Tools riesige Datenmengen, aber es fehlt die sinngebende Struktur. Stellen Sie sich vor, ein grosses Projektteam oder eine ganze Firma brauchen Google Wave für ihre tägliche Arbeit. Da wird man sich bald im grossen Ozean von Wellen verlieren. Wie kann man sich da schnell einen Überblick verschaffen, was neu ist?

Inhalte eines Chats, wie “Hallo, wie geht’s, und wie ist das Wetter bei Euch” hat ja nicht dieselbe Relevanz, wie beispielsweise das Resultat einer Sitzung, eine getroffene Entscheidung, ein fertiges Dokument, eine Liste mit offenen Fragen oder Todo’s.

Wie bildet Colayer Relevanz ab? Das ist ja sehr individuell.
Wir sind seit 2000 im Markt und haben mit unseren Kunden und Partnern zusammen gelernt, wie mit dieser Komplexität umzugehen ist. Colayer hat Werkzeuge entwickelt, um den Mengen von Informationen gerecht zu werden, sie nach ihrer Relevanz und Wichtigkeit zu strukturieren. Und Colayer gibt den verschiedenen Benutzern individuelle Sichten (Abstraktionsstufen) auf die Kommunikation. Einer unserer Kunden organisiert ein Projekt mit mehr als 200 Mitgliedern in 20 Ländern vollständig über Colayer – ohne E-Mail.

Wenn man Chat, E-Mail, Dokumentenmanagement und beispielsweise ein Issue Management Tool zusammenführen will, muss man den Inhalt auch nach dem Typ der Kommunikation strukturieren können. Man muss ein System bereitstellen, das allen Beteiligten ihre spezifische Sicht auf die Dinge gibt. Ist ein Chat einmal fertig, interessiert wahrscheinlich nur noch das Resultat. Wenn gewünscht, kann man den Chat wieder öffnen und einzelne Teile nachlesen.

Die getroffenen Entscheide, Vorschläge und offenen Fragen müssen alle Teammitglieder sehen. Das mittlere und obere Kader muss nur das Wichtigste und die erreichten Meilensteine sehen.

Wo ist Google Wave besser also Colayer?
Markus Hegi: Ich mag das Ajax User Interface und die Geschwindigkeit ihres ‘real time’: Während die eine Person schreibt, kann die andere irgendwo in der Welt Buchstabe für Buchstabe sehen. Mir hat auch das Co-Editieren von Dokumenten gefallen: Mehrere Personen können gleichzeitig an Dokumenten arbeiten und sehen, wo die anderen sind und was sie tun. Auch das ‘Play-back’ ist cool: Jede Welle kann man bei Bedarf noch einmal Schritt für Schritt ablaufen lassen.

Wo ist heute der Nutzen von Colayer für seine Kunden?
Markus Hegi: Unsere Kunden erreichen zuallererst eine Kostensenkung. Denn, wieviel Zeit verbringen Mitarbeiter heute damit, Spam auszufiltern, E-Mails den verschiedenen Themen und Projekten zuzuordnen, und nachzufragen, ob man ein gewisses E-Mail nochmals senden könne, weil man es schlicht und einfach nicht mehr findet.

Die Mitarbeiter werden aber auch produktiver, weil sie überall, mit jedem beliebigen Kommunikationsmittel, im Kontext miteinander Informationen austauschen können – sogar via SMS, wenn es denn sein muss.

Stellen sie sich vor, sie sind in einer Sitzung und brauchen einfach rasch eine Zahl von einem Mitarbeiter, der irgendwo unterwegs und weder über Telefon, noch E-Mail erreichbar ist. Sie senden ihm direkt aus dem Colayer Dokument eine SMS und E-Mail. Er antwortet, sobald er Zugriff hat, zum Beispiel über sein iPhone per E-Mail und fügt eine Grafik bei. Seine Antwort erscheint an der Stelle des Colayer Dokuments, aus der die Anfrage gesandt wurde. Weil die Antwort wichtig ist, beept Colayer und sie können das Resultat noch während der Sitzung präsentieren.

Wohin werden sich solche Tools entwickeln?
Markus Hegi: Intranets werden abgelöst durch Tools wie Google Wave oder Colayer. Mitarbeiter wollen auf einen Blick mit für sie relevanten Informationen gefüttert werden. Sie wollen in Echtzeit über relevante Veränderungen informiert werden und sofort auf Veränderungen reagieren können. Die starren Strukturen der heutigen Intranets machen sie für die Benutzer unattraktiv und sie werden daher kaum benutzt.

Colayer gibt dem Mitarbeiter jederzeit den Überblick über das wirklich Wichtige, und Werkzeuge, um Informationen sofort zu bearbeiten. So werden Intranets hoch interaktiv und von allen Mitarbeitern als Kommunikations- und Arbeitstool genutzt.

Colayer könnte auch Knowledge Management Systeme ablösen oder ergänzen. Knowledge Management Systeme haben die unschöne Angewohnheit, nicht zu vergessen. Zu Beginn halten sie Best-practices fest, mit der Zeit verstärken sie aber das „das haben wir schon immer so gemacht“ und ihr Vorteil kehrt sich in einen Nachteil. Innovation und Ideenfindung brauchen Chaos, Unternehmen benötigen aber ein Tool, um dem ‘kreativen Chaos’ eine Struktur zu geben. Das machen wir mit Colayer.

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