Zurück ins Dorf
Hier kennt jeder jeden. 15′000 Einwohner hat der Kanton Appenzell Innerrhoden. Privatsphäre ist ein Fremdwort. Das Wort Fremd ist aber nicht schlimm, hier sind Fremde sehr willkommen, solange sie als Touristen einreisen, Geld bezahlen, angezogen sind und dann auch wieder nach Hause fahren (o.k., als Gastarbeiter sind sie auch willkommen).
Wer in Appenzell aufwächst, hat wenig Privatsphäre. “aha, em Dörig sin Junge vo de hindere”. Und schon kennt jeder die Lebensgeschichte von drei Generationen zurück. Hier bleibt nichts verborgen, wer etwas wärmer veranlagt ist, braucht kein Coming out, dass wurde schon längst von den Mitschülern erledigt und hat sich im Dorf herumgesprochen. Wer einen “Seich” macht, wird sein Leben lang gebrandmarkt. Ich selbst wohne im Ausserrhoden und hier ist es ein wenig besser, aber es kennt trotzdem immer noch jeder jeden.
Für Städter mag dies seltsam klingen, aber hier bedeutet das soziale Netz Gemeinschaft. In schweren Zeiten hält man zueinander und wenn es darauf ankommt, setzt man sich für einander ein. Die Geschicke des Kantons, werden noch von Hand an der Landsgemeinde bestimmt. So wie es sich gehört – für viele leider mit den Frauen.
Was haben es die Städter da doch besser. Dort kennt nicht jeder jeden. Geschichten und Eskapaden gehen vergessen und man erhält immer eine Chance als unbeschriebenes Blatt neue anzufangen.
Will das der Städter?
Ich frage mich, will der Städter diese Anonymität? Er meldet sich bei Twitter an und erzählt uns von seinem Pizza-Erlebnis, peinliche Videos verfolgen ihn auf Youtube ein Leben lang und über Facebook, Xing & Co. ist jeder mit jedem verbunden.
Im sozialen Internet kennt jeder jeden. Das ist schon fast wie in Appenzell.



Thomas Hasenfratz schrieb:
Die “Internet-Blindheit” von einigen Usern bringt mich immer wieder zum nachdenken. Zum einen wehrt man sich vehement gegen einen biometrischen Pass, veröffentlicht aber auf der anderen Seite sein halbes Leben im Internet.
Ich denke, vielen Benutzern von Facebook & Co ist nicht klar, dass Daten auch nach dem Löschen eines Profils noch lange nicht vollständig verschwunden sind. Hier verhält sich das Internet ähnlich wie das in Appenzell der Fall ist – das Internet vergisst kaum.
Kommentiert am 30-Jun-09 um 7:29 am | Permalink
adrian schrieb:
“Im sozialen Internet kennt jeder jeden. Das ist schon fast wie in Appenzell.”
Hier hättest auch gleich noch “– für viele leider mit den Frauen.” anhängen können ;)
Gelungener Vergleich! Danke :)
Kommentiert am 30-Jun-09 um 7:37 am | Permalink
Reto Hartinger schrieb:
Es ist schon so – eine Suche nach Reto Hartinger ergibt bei google zurzeit 4.380 Treffer (es waren auch schon 9000). Berufs- und Privatleben sind in Wort und Bild dargestellt und seit auch Twitter von google erfasst wird, kann der Surfer sogar meine Gedanken lesen. Trotzdem bin ich gegen den Biometrischen Pass – bzw. noch mehr gegen die zentrale Datenbank. Haben wir nicht genug Fichenaffairen in der Schweiz? Müssen wir sie jetzt auch noch legalisieren und vom Staat betreiben lassen Im Nezt kann ich sogar selber nachlesen was über mich steht. Ich habe in Sozialen Netzwerken mehrere Gesichter und versuche Privates und Geschäftliches Auftreten zu trennen so dass man keine Verbindung machen kann (hoffentlich gelingt es). Mit der Bilderkennung wird diese Schranke definitiv fallen. Mein Sohn benutzt für Facebook einen Kunstnamen. Der hat es irgendwie von Anfang an begriffen.
Kommentiert am 30-Jun-09 um 8:56 am | Permalink
Dani Schenker schrieb:
Haha. Sehr schöner Text. Amüsant und so wahr ;-)
Kommentiert am 19-Jul-10 um 7:39 pm | Permalink