Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern
Der Kunde ist König und ich der Kaiser? Oder etwa der Untertan? Der Kunde ist König ist Quatsch und führt im Projektmanagement direkt ins Verderben. Teilte der Lehrer zu Zeiten meines Grossvaters eine Ohrfeige aus, gab’s zu Hause eine weitere, wenn er es erzählte. Heute wird der Lehrer bei einer Ohrfeige von der Schule verwiesen. Wer glaubt, mit Befehl und lautem Gebrüll kommt er im Jahr 2010 weiter, verliert ganz schnell seine besten Mitarbeiter, Lieferanten und Partner. Wenn nicht physisch, dann zumindest deren 100%-Einsatz.
Über 500 Projekte durfte ich die letzten 16 Jahre für Kunden und Partner durchführen. Selbstverständlich sind ein paar gescheitert, richtig den Bach runter gegangen, mit Fanfaren, Trommelwirbel und grandiosem Totalcrash. Aber die grosse Mehrheit der Projekte kam erfolgreich ins Ziel. Vor Kurzem traf ich eine meiner ersten Kundinnen, ihr erstellte ich 1993 eine Access-Lösung für die Verwaltung von Kleidungsstücken. Sie setzt diese heute noch ein. Ein richtig erfolgreiches Projekt.
Wie wir lernen
Erinnern Sie sich daran, wie Sie schreiben lernten? Als Erstes stellten Sie einen Haufen Wie-Fragen. Wie halte ich den Bleistift. Wie funktioniert das ABC und wie die Grammatik. Was Sie schrieben, interessierte (noch) niemanden: “Ich wohne im Haus” und für Ihre Eltern waren Sie der nächste Hemingway. Das reichte natürlich nicht lange und so kamen die Was-Fragen. Auf einmal mussten Sie schlaue Dinge schreiben. Was machten Sie in den Ferien, was zeichnet die Schweizer Demokratie aus und viele schlaue Texte mehr. Ob Sie heute noch schreiben, hängt wahrscheinlich von Wer-Fragen ab. Braucht der Sportverein an der GV einen Protokollführer: “Wer hat keine Ausrede”?
Was hat das bitte mit Projektmanagement zu tun?
Projektmanagement wird auf dieselbe Art gelernt. Zuerst kommen die Wie-Fragen. Wie funktioniert Projektmanagement? Wie kann ich Aufgaben koordinieren, wie setzte ich MS-Project ein. Wie führe ich…und viele Wie-Fragen mehr. Sind die wichtigsten Wie-Fragen beantwortet, kenne ich die Instrumente und kann ich damit umgehen, kommen die Was-Fragen. Was muss ich machen? Was setzen wir ein MS-Project, Google-Sheet oder basecamphq.com? Was ist besser CMMI, Six Sigma oder lassen wir die Leute an der langen Leine?
Diese zwei Fragen (wie und was) sehen viele Projektleiter. Und viele Mitarbeiter und Chefs sehen diese zwei Fragen ebenfalls. Ob ein Projekt aber scheitert oder ein Erfolg wird, entscheiden aus meiner Sicht erst die nächsten zwei Fragen:
- Wer
- In welcher Konstellation
…der Kunde ist König
Anfangs Internetzeit hatte ich viele Werbeagenturen, die bei mir für die Umsetzung von Websites anklopften. Mit einigen wenigen funktionierte es hervorragend und es entstanden Freundschaften, die bis heute anhalten. Mit den meisten Werbeagenturen endete es aber im Desaster. Nach deren Verständnis waren sie die Könige und ich der ausführende Untertan. Das funktionierte bei mir nicht und endete jedes Mal im Desaster. Ich nahm neue Werbeagenturen nur noch mit folgender Warnung an: “Wenn Sie uns als ausführende Druckerei sehen, suchen Sie bitte eine andere Agentur. Ich werde Ihre Konzepte infrage stellen, versuchen diese zu verbessern und, wenn aus meiner Sicht etwas nicht funktioniert, weigere ich mich dies auszuführen”. Ja, ich war Jung und ein richtiger Dickkopf ;-)
Die richtige Person(en) und es funktioniert – auch in einer Grossbank
Rückblickend hätte es nie funktionieren dürfen. In einer Grossbank sollte eine Projektleiterin für eine Aufgabe eine bestehende Software einsetzen und diese durch den Lieferanten anpassen lassen. Sie hatte dabei aber mit dem bestehenden Lieferanten ein “ungutes Gefühl” und entschied gegen die eigene Führungsetage eine Neuentwicklung zu starten. Sie selbst hatte noch NIE ein Softwareprojekt durchgeführt. Sie musste zwei Lieferanten finden, die das Projekt annahmen und ihr versprachen, es in 3 Monaten durchzuziehen. Sie musste die IT-Abteilung überzeugen, dass wir dort externe Server einstellen durften und wir benötigten den Zugang zu sensiblen Mitarbeiterdaten.
Diese Dame brachte mit Ihrer Art Dinge fertig, die nur sehr selten funktionieren. Wer als Begründung die Macho-Antwort sucht – nein. Sie wählte für die Umsetzung die richtigen Personen, fand den richtigen Ton und motivierte uns alle zu Höchstleistung. Sie brauchte keine Milestones, kein MS-Project, kein Mengengerüst und kein detailliertes Anforderungsprofil. Stattdessen stellte sie die richtige Frage für erfolgreiches Projektmanagement: wer. Nach 3 Monaten stand das Projekt im abgemachten Budgetrahmen und die Software wurde Jahre später noch eingesetzt. Sogar von anderen Abteilungen mit dem Segen ihrer Vorgesetzten.
Die selten gestellten Fragen im Projektmanagement
In einer kurzen Serie gehe ich darauf ein, welche Schäden Alphatiere in Projekten anrichten können. Auf was Sie bei Ihrem Team achten sollten und wie Konstellationen noch vor Beginn des Projektes über Niederlage oder Sieg entscheiden.



Reto Hartinger schrieb:
komisch gard heute habe ich das video mit urs bucher nach seinem vortrag über projektmanagement
http://www.vimeo.com/2431648
er bestätigt was du sagst
Kommentiert am 05-Dez-09 um 6:45 pm | Permalink
Ralph E. Müller schrieb:
Guter Artikel, danke für diesen Beitrag. Ein Projektteam richtig einzusetzen und auch entsprechend zu motivieren, ist sicher essentiell für erfolgreiches Projektmanagement, oder für Management im Allgemeinen. PM Tools sind zwar sehr nützlich und oft auch unabdingbar, aber für den Projekterfolg entscheidend sind ja meist andere Faktoren, nicht zuletzt auch eine funktionierende Kommunikation mit dem Kunden (Partner).
Kommentiert am 06-Dez-09 um 3:26 am | Permalink
ThomasK schrieb:
Mal wieder ein Artikel, in dem man sich wiederfinden kann. Gut!
// “Wenn Sie uns als ausführende Druckerei sehen, suchen Sie bitte eine andere Agentur. Ich werde Ihre Konzepte infrage stellen, versuchen diese zu verbessern und, wenn aus meiner Sicht etwas nicht funktioniert, weigere ich mich dies auszuführen”. Ja, ich war Jung und ein richtiger Dickkopf ;-)//
*lach* Also als ich noch ein junger Dickkopf war, lernte ich in einer “ausführenden Druckerei” den Beruf des Schriftsetzers bzw. war danach selbnständig und bot Mediengestaltung on- und offline an.
Schnell lernte ich, dass Werbeagenturen durchaus dazu taugen, Vorurteile und Klischees aufzubauen oder zu bestätigen — aus rein (repro)technischer Sicht.
Vor allem diverse Aufschreie aus dem Drucksaal bleiben symtomatisch in Erinnerung : “Neeeiiiinn — das ist doch undruckbar! Die Schrift läuft vollkommen zu und Silber geht ja mal gar nicht”.
Ich hab Respekt und arbeite auch gene mit der Sorte Art-Direktör zusammen, die Ahnung hat — entweder vom Druck oder vom Medium Web.
Für die Firlefänzchen und animierte Extrawünsche (am besten auf der Startseite, die nach ein paar Sekunden weiterleitet oder erstmal Flash abspielt) habe ich schon einige Jahre lang ein Lieblings-Gegenargument : “mit solchen Barrieren wird nie ein Crawler jemals die Tiefe der Site erreichen”. (Toll ist dann die Frage “was ist ein Crawler?”)
Projektmanager brauche ich indes dennoch — solche, die mir klare Aufgaben setzen, wenn es um ein Projekt geht, in dem ich das Visuelle voll übernehme. Da bin ich sogar dankbar, dass man es zu verstehen weiss, meine künslterisch-kreativ-gelegentlich-chaotischen Auswüchse zu zügeln und zu differenzerien in : nice-to-heave-aber-nicht-in-diesem-Release oder Ja-tolle-Sache-bitte-bis-Montag-umsetzen!
Das ist nicht immer einfach für den PM — vor allem nicht, mit den “Künstlerseelen” bei denen Genie und Wahnsinn dicht beisammen liegen. Aber alles geht und vor allem: im Guten!
Eines ist jedoch Bedingung: Die Egos müssen draussen bleiben! Es darf keine Kompetenzunklarheiten geben und auch niemanden, der frustriert die Zähne zusammenbeisst und kein Wort sagt, und das Projekt mit “Dienst nach Vorschrift” lostlos und widerwillig begleitet.
Die richtigen Worte zur richtigen Zeit können Wunder bewirken. Von Mensch zu Mensch und nicht vom König zu seinen Arbeitssklaven!
Kommentiert am 07-Dez-09 um 12:47 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern yigg this! — save to [...]
Kommentiert am 08-Dez-09 um 2:07 am | Permalink
Daniel Niklaus schrieb:
Ja Thomas, Ego ist bestimmt ein riesiges Thema.
Kommentiert am 08-Dez-09 um 5:18 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Projektanfänger: Wir müssen mehr kommunizieren schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum [...]
Kommentiert am 19-Dez-09 um 5:00 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Wann Sie (doch) besser mehr Kommunizieren schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum [...]
Kommentiert am 21-Dez-09 um 7:29 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Akademisches Gesülze ohne praktischen Mehrwert. schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum [...]
Kommentiert am 27-Dez-09 um 6:19 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Übung für das Systemdenken in Projekten schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum [...]
Kommentiert am 28-Dez-09 um 3:29 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Haben Sie ein Team oder wursteln Sie noch? schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum [...]
Kommentiert am 29-Dez-09 um 10:21 am | Permalink
Internet Briefing Blog / Spiele in Projekten schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum [...]
Kommentiert am 29-Dez-09 um 10:06 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Die eigenwillige Dynamik in Projekten schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum [...]
Kommentiert am 30-Dez-09 um 1:23 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Happy New Project 2010 schrieb:
[...] MS-Projekt, detaillierte Anforderungsprofile und Milestones gibt. Er sollte lernen, dass die Frage nach dem wer eine besondere Bedeutung [...]
Kommentiert am 31-Dez-09 um 11:06 am | Permalink