Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall
Die Menschheitsgeschichte wurde von Alpha-Männern geschrieben – den unverzichtbaren Machern, die die Initiative ergreifen, neue Welten erobern und Himmel und Erde in Bewegung setzen, um ihre Ziele zu erreichen. Ob sie Stammeskrieger anführen, ein revolutionäres neues Produkt auf den Markt bringen, eine Mannschaft zum Sieg führen oder einen Grosskonzern leiten, Alphas sind auf Leistung gepolt und stürzen sich auf Herausforderungen, vor denen andere zurückschrecken. Dabei erregen Sie Ehrfurcht und Bewunderung, aber auch Angst und Nervosität. Wo sie auch sind und was sie auch tun, stets heben sie sich von der Masse ab und hiterlassen unauslöschliche Spuren im Leben der Menschen um sie herum.
In der Geschäftswelt wimmelt es förmlich von Alpha-Männern.
So beginnt Kapitel 1 – Alpha-Tiere: Der schmale Grat zwischen Erfolg und Absturz im Management.
Das Wort Management im Titel hätte auch durch Projekt ersetzt werden können. Alpha-Männchen bringen bei Bedarf jedes Projekt zu Fall. Nehmen Sie den ca. 42-jährigen Aufsteiger mit brillantem CV. Ein hohes Tier im Militär, nach dem Studium Stufe um Stufe nach oben geklettert und jetzt hat er zum ersten Mal den COO Posten einer grösseren Firma inne. Bis anhin wurde er immer von einem Förderer begleitet, doch für diesen Posten wechselte er in eine neue Firma und er hatte die ersten Projekte “alleine” zu leiten. Er weiss, wie man Projekte erfolgreich zu Ende bringt und wie man Leute führt – nur dumm, dass ihm, zumindest mental, alle Leute davon liefen und ein Projekt ums andere ins Desaster schlingerte. In einem dieser Projekte war ich dabei.
Als Psychiater – ähhh – Lieferant hat man eine privilegierte Situation. Die Mitarbeiter erzählen einem die Sorgen mit dem Management und das Management die Sorgen mit den Mitarbeitern. In diesem Fall war der Chef auf verlorenem Posten. Er fühlte sich von allen verlassen und die Welt war nur noch böse. Wenn die Leute doch nur fähig wären und auf ihn hören würden, dann würde alles 1A funktionieren. Aber die sind alle unfähig und machten nicht, was er sagte. Als ich ihn auf seine Führungsmethoden ansprach, tat er mir alle Bedenken durch, schliesslich hatte er schon früh im Militär Leute geführt. Er wusste, wie Leute geführt werden. Wie die Geschichte endete? Keine Ahnung. Wir beendeten unseren Teil ziemlich schnell und ich hatte kein Interesse an einem Nachfolgeauftrag. Er versuchte, seinen Führungsstil auch bei mir anzuwenden. Er gehörte zu den Alpha-Macher und wird im obigen Buch beschrieben. Ein Typus der nicht delegiert, sondern Aufgaben verteilt und diese peinlich genau kontrolliert. Ein Typus mit dem ich überhaupt nicht klarkomme, denn ich bin auch so ein Alpha-Männchen, dass alles besser weiss und dann auch noch das Heft in die Hand nimmt…
Die grösste Stärke wird zur grössten Schwäche
Alpha-Tiere können ein Segen für eine Firma sein, sie bringen den nötigen Drive mit und ziehen ein Projekt gegen alle Widerstände durch. Das ist die positive Seite. Gleichzeitig können Sie auch blind sein und erkennen nicht, wann sie stoppen oder ihr Verhalten ändern sollten. Damit bringen sie jedes Projekt in Gefahr.
Zwei Alpha-Tiere und mehr
Heutige Projekte gehen oft über mehrere Abteilungen und manchmal sogar über mehrere Firmen hinaus. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass in einem Projekt mehrere Alpha-Tiere aufeinanderprallen. Je nach Konstellation ist dies ein tödlicher Mix für den Erfolg eines Projektes. Laut dem Buch Alpha-Tiere gehöre ich zu den Alpha-Visionären und funktioniere um 180 Grad anders, als der oben beschriebene Alpha-Macher. Während für mich genauen Angaben und eine detaillierte Planung ein Graus sind, benötigt er genau diese Informationen, damit er sich sicher fühlt. Ich ziehe es vor, die grosse Linie zu bestimmen und vertraue auf die Fähigkeiten meiner Leute, während er eine grundsätzliche Skepsis allen gegenüber mitbringt und in Panik gerät, wenn etwas für ihn nicht unter Kontrolle ist. Das kann zu fürchterlichen Missverständnissen und blutigen Alpha-Kämpfen führen. Um dies zu verdeutlichen, ein Beispiel von vor nicht allzu langer Zeit.
Ausgangslage: Das Projekt läuft aus meiner Sicht o.k. Ich sehe, dass auf beiden Seiten die Mitarbeiter an einem Strick ziehen und jeder gibt sein Bestes. Aus seiner Sicht hätte alles viel weiter, günstiger und schneller sein müssen. Wie auch immer, es ging um eine Funktion, die eine technische Herausforderung darstellte. Folgendes Telefongespräch fand statt:
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Er: Wie sieht es aus, bringen wir das hin
(Er ist kritisch eingestellt)
Ich: Es wird eine Herausforderung und ich kann dir den Termin nicht versprechen, aber wir bekommen das hin, dafür stehe ich gerade.
(Ich biete eine vertrauensbildende Geste an und verbürge mich, dass wir das Teil auf die Beine bringen)
Er: (Aha, er will mir keinen Termin nennen, hab ich es doch gewusst)
Aber ich muss einen Termin haben
(Wenn er mir diesen nicht gibt, dann liege ich mit meinen Bedenken richtig)
Ich: (Hä? Jetzt habe ich ihm doch gesagt, ich kann keinen Termin versprechen. Was will er? Ich stehe ja gerade dafür)
Hör zu, ich verspreche dir, dass wir das hin bekommen. Ich kümmere mich persönlich darum.
(Jetzt darfst du mir wirklich vertrauen)
Er: (AHA – er verheimlicht mir etwas)
Das genügt mir nicht
Ich: (Geht’s noch gut? Vertraust du mir nicht?)
Weisst du was, wir sind fertig, sobald wir fertig sind.
Ich war so ein Dummkopf! Ihm fehlte das technische Verständnis abzuschätzen, was passieren wird. Er war Nervös. Anstatt das ich realisierte, welche Sicherheiten er benötigte, machte ich einen auf “Gekränkt”, weil ich mit seiner Art nicht klarkam und ging in den Infight. Alpha-Männchen sind manchmal furchtbar blind und stur. Das kann die besten Projekte zum Scheitern bringen. Ja sogar den Platz um die Nr. 1 kosten. Hier ein hervorragender Artikel zum Scheitern von Myspace. Achten Sie darauf, wie sich die Gründer und die Käufer gegenseitig verhielten und wie die Aufmerksamkeit und die Zielsetzungen von Murdoch die gesamte Dynamik im Unternehmen veränderte.
Wie kommt man aus der Alpha-Falle raus?
Wenn Sie selbst ein Alpha-Männchen sind, lernen Sie die anderen Alpha-Männchen besser kennen. Lesen Sie dieses Buch. Nicht wegen Ihnen, sondern damit Sie die anderen besser für Ihre Ziele nutzen können. Sollten Sie dabei über sich selbst etwas erfahren, ist dies ein reiner* Zufall.
*beabsichtigter
Das oben beschriebene Projekt wurde erfolgreich abgeschlossen. Aber nicht ohne viele Mails, Telefonate und Sitzungen. Es wurde mit Diskussionen sinnlos Energie und Zeit verschwendet. Zur Verstärkung der Argumente entstand dann ein Nebenschaukriegsplatz nach dem anderen. Mir persönlich half dieses Buch, mein Gegenüber und meine eigenen Reaktionen in dieser Situation zu verstehen. So konnte ich auch einmal aufs Maul hocken und nervte mich weniger und wir brachten das Projekt gemeinsam ins Ziel.
Wenn Sie kein Alpha-Männchen sind, kann Ihnen dieses Buch ebenfalls helfen. Sie verstehen besser, wer in einem Projekt wie funktioniert. Alpha-Männchen müssen manchmal von ihren Mitarbeitern geführt werden (vermeiden Sie aber bitte tunlichst, dass sie es merken).
Alpha-Männchen, die die Kurve kriegen – heben die Welt aus den Angeln
Seine Eigenen stärken und schwächen zu kennen und diese bei den anderen Teammitgliedern zu erkennen, hilft in jedem Projekt enorm. Qualitäten der Projektmitarbeiter werden nicht addiert, sondern multipliziert. Für mich persönlich bedeutet dies, ich brauche Alpha-Männchen die zur Sorte der Strategen gehören. Solche die sich selbst womöglich keine hochtrabende Ziele setzen, aber wenn Sie ein kühnes Ziel vorgesetzt bekommen, finden sie den richtigen Weg, die Ziele zu verwirklichen.
Alpha-Männchen, die die Kurve kriegen, können die Welt aus den Angeln heben. Ein paar Beispiele.
Steve Jobs wurde in den 80er aus seiner eigenen Firma geworfen, weil er mit dem neu eingestellten Pepsi-Manager nicht klarkam. Mit seiner Firma Next scheiterte er kläglich. Was oft unbekannt ist, bevor er zu Apple zurückkehrte, fand er sich mit einem anderen Alpha-Männchen John Lasseter und gründete die höchst erfolgreiche Firma Pixar. Wenn Alpha-Männchen miteinander klarkommen, können sie die Welt bewegen und realisierten die kühnsten Visionen. Auf jedem Schreibtisch ein PC. Bill Gates und Steve Balmer. Schlagen sich innert 20 Jahre vom Nobody in die erste Liga der Computerverkäufer. Michael Dell und Kevin Rollins. Oder feiern Meistertitel um Meistertitel Gigi Oeri und Christian Gross.
Für alle Alpha-Männchen einer meiner Favoriten zum Thema Führung
Teil 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern



nancy schrieb:
Sehr interessanter Bericht, hat mich zum Nachdenken gebracht.
Kommentiert am 08-Dez-09 um 8:31 am | Permalink
Paul Frey schrieb:
Danke Daniel für diesen Beitrag. Ein wertvoller Hinweis für starke Führungstandems in Start Up Firmen und wie diese die Welt verändern. Letzten Donnerstag haben wir im Internet Briefing bei LIIP -how to build web businesses- dazu diskutiert.
Kommentiert am 08-Dez-09 um 10:46 am | Permalink
Reto Hartinger schrieb:
Besten Dank auf für die schöne Musik – ein Genuss.
Ja der Beitrag erinnert mich auch an die Diskussion beim LIIP Internet Briefing. Teams sind immer stärker als ein Einzelner und meist ist es auch so, dass jemand oder ein Team etwas nur zu einem gewissen Punkt führen kann. Als wir search.ch verkauft haben wussten wir, dass wir als Team die Firma nicht mehr weiter bringen konnten. Deshalb haben wir verkauft. Wir waren ja gut unterwegs, search.ch war eine Gelddruckmaschine – sogar in Kriesenzeiten. Wir haben auch in der Kriese nie einen Monat mit Verlust abgeschlossen.
Wir waren aber einfach nicht gut genug, einen weiteren Schritt zu machen. Die Post konnte dies tun. Sie hat eine Verkauf für tel.search.ch aufgebaut. (OK um ehrlich zu sein, wir hatten eine Vertrag mit der Post unterschriftsreif, der genau das auch gemacht hätte. Dann hätten wir ohne eigenes Risiko weitere mehrere hunderttausend Franken Gewinn gemacht und die Post hätte den Verkauf für uns aufgezogen und wir wären immer noch Besitzer der Firma geblieben).
Pioniere müssen auch Alphatiere sein, aber sie müssen sich im richtigen Moment zurücknehmen können, zum Wohle der Firma. Ob mir das immer gelungen ist, wage ich zu bezweifeln.
Mehr als 20 % Leute wie ich, kann eine Firma gar nicht gebrauchen. Ich habe immer gesagt, dass eine Firma einen Grundstock an Leuten braucht die nicht brilliant sind, aber mit einer hohen Zuverlässigkeit eine vorhersehbare Menge an Arbeit erledigen kann.
Ich habe alle 10 Minuten eine Idee. Ich kann in 30 Minuten erreichen, was andere in Monaten nicht schaffen. Nur, es ist nicht konstant. Man weiss nicht was dabei herauskommt wenn ich arbeite. Meine Ideen und mein Drive können Organisationen total überfordern. Ich kann viel zu schnell Resultate erzielen, die Organisation kommt nicht mit. Deshalb muss ich immer mehr als eine einzige Sache machen. Damit ich ab und zu wieder Andere nervös mache ;-)
Seit ich die Firma verkauft habe, habe ich mich extrem beruhigt. Ich kann die Dinge besser loslassen. Das macht das Resultat nicht besser, aber angenehmer.
Führen ist grundsätzlich wie verkaufen – es gibt mehr als einen Stil der zum Ziel führt. Der eine besser als der andere, der eine angenehmer, wieder einer funktioniert in flachen Hierarchien und kleinen Teams und ein anderer für grosse Unternehmen.
Kommentiert am 08-Dez-09 um 12:00 pm | Permalink
Daniel Niklaus schrieb:
Gedacht war der Text für Projekte, aber eine Startup/Firma ist ja heute schon fast nur noch eine Ananeinderreihung von Projekten. Womöglich ist aber genau das ein Problem, weil nichts Standardisiert wird und alles immer wieder von neuem erfunden wird.
Kommentiert am 08-Dez-09 um 5:17 pm | Permalink
GabyStaeheli schrieb:
Sagt das Buch eigentlich auch etwas über Alpha-Weibchen? Oder gibt’s die am Ende gar nicht? :-)
Kommentiert am 09-Dez-09 um 8:33 am | Permalink
Daniel Niklaus schrieb:
Amazon hat eine Vorschau wo auf Seite 15 noch die Begründung kommt. Warum Alpha-Männchen. Erstens, weil es einfach mehr davon gibt. Der zweite Grund für den Schwerpunkt auf männliche Alphas liegt in dem immensen Schaden, den sie anrichten.
Ich persönlich habe auch ein paar Alpha-Weibchen kennen gelernt. Im Regelfall entwickeln sie aus meiner Sicht Strategien, ihren Alpha-Drang subtiler anzubringen.
Kommentiert am 09-Dez-09 um 9:00 am | Permalink
Daniel Niklaus schrieb:
Liege ich falsch?
Mhhh, wenn der Mann sagt: Du hast recht (und ich meine Ruhe) würde das eher auf das Gegenteil schliessen lassen.
Kommentiert am 09-Dez-09 um 9:03 am | Permalink
GabyStaeheli schrieb:
Ich glaube der “immense” Schaden entsteht natürlich auch durch die Menge der “Alpha-Männchen” und ist bei der direkten Art auch schneller sichtbar. Wenn es weniger Frauen in Spitzenpositionen gibt, können sie natürlich auch weniger Schaden anrichten. Grundsätzlich stimme ich aber zu, dass Frauen anders führen und Ihre Ziele etwas wie Du sagst “subtiler” erreichen. Bei IBM nannte man das in den Führungs-Assessments “natürliche Führungsqualität”, damit ist gemeint, dass das Gegenüber z.T. gar nicht merkt, wie es geführt wird!
Kommentiert am 09-Dez-09 um 11:06 am | Permalink
ThomasK schrieb:
Auch wenn dieser Strang hier (nebst dem letzten) Stoff für ganze Abende bietet — spätestens bei der “subtilen Führungsmethode weibler Alphatierchen in Konstrast zur männlichen” gerne auch auf Loriot verwiesen — vor mir ein Satz, den ich aus einer Signatur zitiere. Fast schon ein universeller Denk-An-SATZ — viel zu oft anwendbar:
“Und um wessen Ego geht es jetzt?”
Kommentiert am 09-Dez-09 um 6:49 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Projektanfänger: Wir müssen mehr kommunizieren schrieb:
[...] schweizerisch erreichten Sie einen Kompromiss. Sie achteten auf die Dynamik zwischen den Alphatieren, zogen Frauen im Projekt mit ein und berücksichtigten die verschiedenen Kommunikationsstile [...]
Kommentiert am 19-Dez-09 um 4:46 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Wann Sie im Projekt (doch) besser mehr Kommunizieren schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum nicht? Teil 4: Projektanfänger: Wir müssen mehr [...]
Kommentiert am 21-Dez-09 um 7:30 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Akademisches Gesülze ohne praktischen Mehrwert. schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum nicht? Teil 4: Projektanfänger: Wir müssen mehr [...]
Kommentiert am 27-Dez-09 um 6:20 pm | Permalink
Internet Briefing Blog / Übung für das Systemdenken in Projekten schrieb:
[...] 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall Teil 3: Frauen im Projekt – warum nicht? Teil 4: Projektanfänger: Wir müssen mehr [...]
Kommentiert am 28-Dez-09 um 10:20 pm | Permalink