Haben Sie ein Team oder wursteln Sie noch?
7 Fussballstürmer, 2 Mittelfeldspieler und 3 Torwarte spielen mit dem Golfschläger auf dem Tennisplatz Schach. In etwa so sehen Projektteams oft aus. Was im Sport die selbstverständlichste Sache der Welt ist, Teams mit Mitarbeitern nach deren Fähigkeiten zusammenzustellen, erlebte ich in den letzten 16 Jahren im Projektgeschäft fast nie. Dabei gehörten zu unseren Kunden Namen wie Credit Suisse, Migros, Nestlé, Post, Ringier, SBB, SF, Swissair und Swisscom. Viel mehr macht es den Anschein, als ob in Projekten maximal die formale Ausbildung zu einer Rollen Einteilung führt. Oft kann man nur hoffen, dass die einzelnen Leute gut sind und man irgendwie zum Erfolg kommt.
Zugegeben, es ist eine Herausforderung, ein gutes Team zusammenzustellen. Im Gegensatz zum Fussball gibt es keine wöchentlichen Spiele im Fernsehen, bei denen man sich etwas abgucken kann. Es gibt auch kein Panini-Album von erfolgreichen Projekt-Teams, bei denen man schon als Kind lernt, welche Positionen in einem erfolgreichen Team zu besetzen sind. Es stellt sich die Frage: Wie findet man da heraus, welche Positionen es in Teams gibt und was ist bei der Zusammensetzung wichtig?
Belbins Teamrollen
Stefan brachte mich oft zur Verzweiflung. Er ist hochintelligent und ein hervorragender Entwickler. Mit Begeisterung sagte ich ihm jeweils, was ich als Nächstes in unserer Software sehen will. Diese Funktion, jene Funktion und dann kommen die beiden Funktionen später zusammen. Damit können wir XY machen. Ich blickte ihn an und erwartete ein begeistertes JA! Aber nein. Mit leerem Blick schaute er durch mich hindurch. Er versank in Gedanken. Nach einer Weile machte er mich dann auf ein winziges, unwichtiges Detail aufmerksam. Ich war verzweifelt. Wie konnte er mich nicht verstehen und warum löchert er mich mit einem solch unwichtigen Detail? Weil er der perfekte Kontrapunkt zu meinen Ideen ist.
Den Team-Wert von Stefan verstand ich erst richtig, als ich Belbins Teamrollen las. Belbin entdeckte 9 Teampositionen (Rollen) ähnlich im Fussball. So gibt es den Erfinder, der mit grossartigen Ideen unerwartete Pässe schlägt. Den Wegbereiter, der auch einmal mit dem Schiri spricht und die Fans anfeuert. Beobachter in der Verteidigung, die abgeklärt die Angriffe der Gegner abfangen. Macher, die ihr Team auch in der Krise nach vorne peitschen. Teamspieler, die für eine gute Stimmung sorgen. Perfektionisten für den unglaublich feinen Freistoss mit Torfolge und Umsetzer, die sich unermüdlich in den Dienst des Sieges stellen.
Teamleistung macht den Unterschied
Und genauso sollten Sie Projektteams verstehen. Unterschiedliche Positionen, die es zu besetzen gilt und die anschliessend zusammen spielen. Stefan ist ein „Perfektionist“. Im Gegensatz zu mir erträgt er keine Unsicherheiten. Bevor nicht geklärt ist, wie X und Y zusammenpassen, fängt er nicht an zu programmieren. Das war anfangs für mich eine Pein. Er zeigte nämlich immer Zielsicher auf die wunden Punkte in meinen Ideen. Damit zwang er mich in Diskussionen, die ich gerne übergehe. Doch daraus entwickelten sich bessere Lösungsansätze. Meist kommen wir so an einen Punkt, wo klar ist, was noch schwierig zu bewältigen ist. Meine Teamrolle ist „Macher“. Als solcher tun mir diese Details weh. Ich will, dass es vorwärtsgeht. Nur akzeptiere ich die Wichtigkeit dieser kleinen Details, weil Stefan mit grosser Wahrscheinlichkeit recht hat. Also hole ich Roger dazu. Er hat die Teamrolle „Umsetzer“ und „Erfinder“. Ich fasse kurz zusammen, an welchem Punkt Stefan und ich stehen. Meist setzt Roger umgehend ein und zusammen finden die Beiden eine bessere Lösung, als ich sie ursprünglich je andachte.
Gut zusammengesetzte Teams leisten ein Vielfaches von schlecht zusammengesetzten Teams. Ich erinnere mich an eine Verwaltung, in der es vor allem Beobachter und Perfektionisten hatte. Ein Konzeptvorschlag wurde vom 1‘000 ins 10‘000 und zurück besprochen. Niemand wollte eine Entscheidung treffen und jeder sicherte sich auf jede mögliche Seite ab. Wie sollte da etwas vorwärtsgehen? Interessanterweise entschied ich in jenem Projekt für den Kunden. Irgendwie waren sie glücklich, dass einer (auch ein Fremder) sagte, so machen wir das jetzt, hier unterschreiben sie. Es machte den Anschein, als ob sie nur auf den externen Input warteten. Anders ein Team von kreativen Werbern. Jeder schmiss mit Ideen um sich. Heute rannten sie in diese Richtung und morgen in die Andere. Wie gut hätte es diesem Team getan, wenn da ein stiller Beobachter gewesen wäre, der die Situation erkannt hätte und dann die richtigen Weichen stellt.
Bei uns gehört der Belbin Teamrollen Test zum Einstellungsprozess. Er ist für mich ein unverzichtbares Instrument, um zu verstehen, wie die Dynamik in einem Projekt laufen wird und welche Rollen noch zu besetzen sind. Möchten Sie selbst herausfinden, was für eine Rolle Sie sich selbst zuschreiben? Mehr Informationen gibt es bei Wikipedia oder Belbins Buch Teamrollen.
Teil 1: Der Kunde ist König und warum Projekte scheitern
Teil 2: Alphatiere bringen noch jedes Projekt zu Fall
Teil 3: Frauen im Projekt – warum nicht?
Teil 4: Projektanfänger: Wir müssen mehr kommunizieren
Teil 5: Wann Sie im Projekt (doch) besser mehr Kommunizieren
Teil 6: Akademisches Gesülze ohne praktischen Mehrwert
Teil 7: Übung für das Systemdenken in Projekten



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Kommentiert am 18-Jan-10 um 3:26 pm | Permalink