Danke, ich raub Sie dann mal aus
Es muss ja nicht immer alles so böse sein. Dies ist nicht die Geschichte eines Bekannten, der einen Bekannten kennt, sondern diese Geschichte passierte den Nachbarn meiner Grosseltern. Eines Morgens war das Fahrrad vor der Tür der Nachbarn weg, verschwunden – gestohlen. Im Quartier war das der Aufreger des Tages. CSI Wil sozusagen. Die dunkelsten Räubergeschichten wurden innerhalb weniger Stunden gesponnen. Bis am nächsten Tag, da stand das Fahrrad wieder vor der Tür und im Briefkasten ein Entschuldigungsschreiben: “Liebe XXX, ich musste dringend auf den Zug und war zu spät. Bitte verzeihen Sie mir die Aufregung. Als Wiedergutmachung zwei Einladungskarten für das örtliche Kirchenkonzert in zwei Wochen”.
Schöne Geschichte. Nur – sie ist noch nicht zu Ende.
Als die Nachbarn begeistert vom örtlichen Kirchenkonzert zurückkehrten, war die Wohnung ausgeräumt.
Das Internet erleichtert die Arbeit eines jeden Räubers
So aufwendig müssen Räuber heute nicht einmal mehr vorgehen, um sicherzustellen das die Leute auch wirklich ausser Haus sind. Heute genügt das Internet. Letzte Woche berichteten die Medien intensiv von pleaserobme.com, einem Dienst, der Informationen aus Foursquare und Twitter zusammenfügt.
Nehmen wir Peter Hogenkamp, er war heute Morgen um 9:47 in der Konditorei Waldgut. Das wäre ein äusserst ungünstiger Moment. Viel besser ist es, wenn Peter unterwegs ist und er uns vorher noch mitgeteilt hat, dass Sohn 1, Sohn 2 und Frau ebenfalls ausser Haus sind.
Lohnt es sich überhaupt bei Peter einzubrechen?
Grosszügig wie Peter ist, hat er uns auch gleich den richtigen Tipp, bei Homegate nachzuschauen, was für Autos in der Garage stehen. Damit wissen wir zwar noch nicht, ob er ein solches besitzt, aber wir wissen wenigstens, dass er ein schönes neues MacBookPro sein eigen nennt.
All diese Nachrichten aus dem Twitter Feed zu holen, ist etwas mühsam Peter. Schön wäre, wenn du deine Gadgets bei gdgt.com platzierst und veröffentlichst.
Wer die Gelegenheit nutzen will…
Aber warum Peter zu Hause überfallen? Bei Pixelfreund verrät er uns, was er alles bei sich trägt. Ein geschickter Taschendieb könnte es gleich am Bahnhof St.Gallen versuchen.
Schon Nobel musste lernen…
Technik ist einfach Technik. Wie wir sie anwenden, dafür sind wir verantwortlich. Alfred Nobel erfand das Dynamit für den Bergbau. Dass Leute andere Leute damit in die Luft jagen, war wohl nie seine Vorstellung. Das Twitter, Foursquare, Places & Co. für Räuber ideal Werkzeuge sind, wollte wohl ebenfalls niemand. Das man mit Google Map nicht nur seinen Weg findet, sondern einem auch ehemalige Straftäter in der Nachbarschaft oder besonders leichtgläubige Menschen angezeigt werden, war wohl auch nie Ursprung des Gedanken.
Wir müssen lernen, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen
Dieser Artikel soll nicht abraten, er soll keine Angst machen, sondern bewusst machen. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, einige Dinge werden wir ohne Probleme tun können, von anderen lassen wir besser.
Positiv stimmt mich, dass entgegen der allgemeinen Annahme und der Eingangsgeschichte, Vertrauen immer wieder belohnt wird.



Peter Hogenkamp schrieb:
Zunächst danke, Dani, dass Du mich die Geschichte zuerst hast autorisieren lassen. Hatte und habe kein Problem damit, ich habe das Thema ja letzte Woche selbst via Twitter angesprochen.
Ich finde die Hysterie wegen Foursquare, wie sie letzte Woche durch die Medien ging, ziemlichen Quatsch. Es ist doch schon lange so, dass Leute rausfinden können, wann man nicht zuhaus ist. Schon seit mehreren Jahren hätte jeder Konferenzblogger ausgeraubt werden müssen, wenn er schreibt, er sei an der Konferenz X in Y und nicht zuhaus in Z. Natürlich hat das zuerst mit Twitter und nun mit Foursquare eine gewisse neue Intensität bekommen, aber der Einbrecher muss ja vor allem sicher sein, dass er zuhaus niemanden antrifft, und das kann er bei uns nun mal nie sein, weil hier noch drei andere Personen leben plus unsere «Familienpraktikantin», die fast jeden Tag da ist.
Man hätte das gleiche auch schon seit 30 Jahren mit dem Telefon machen können: In Zürich anrufen, aha, Hogenkamp, nimmt ab, auflegen und in St. Gallen einbrechen. Wobei… Via VoiP bin ich jetzt gerade aus St. Gallen unter der Zürcher Nummer erreichbar — da führt das Internet eher zur Aufenthaltsorts-Diffusion.
Hinzu kommt, aber das hat nichts mit Foursquare zu tun, dass man bei mir zuhaus praktisch nichts klauen kann. Wenn ich solche Geschichten beim Tagi lese, frage ich mich immer, wieso die Leute so viel wertvolles Zeug zuhaus rumliegen haben. Ich habe in der Tat ein neues MacBook und dann noch ein recht neues iPhone (beides aber immer dabei), und danach muss ich schon lange überlegen, was man hier einfach so raustragen könnte, das einen hohen Wert hat. Kaum etwas – hier liegen zwar viele Gadgets rum, aber keins davon ist neu.
Kommentiert am 21-Feb-10 um 10:18 pm | Permalink
Reto Hartinger schrieb:
Was wir unter Privatsphäre betrachten wandelt sich immer mit den technischen Möglichkeiten. Früher war jede Telefonnummer (fast) jeden Bürgers bekannt. Da gab es keine Privatspähre. Heute meldet fast niemand mehr seine Handynummer, dafür telefonieren wir mit dem Schatz jetzt auch im Tram – früher undenkbar.
Privatspähre löst sich immer mehr auf – vor allem dann, wenn wir Vorteile daraus ziehen wenn bekannt ist wo wir sind. Überwiegen die Vorteile, sind uns die Nachteile egal. Oder es stört mich doch nicht wenn das ganze Tramm hört “Schatz i föif minutä bin i dehei” (die Frage bleibt ob das auch 5 Minuten hätte warten können) und ein Einbruch wird unter Kollateralschaden abgebucht.
Privatspähre wird auch dadurch aufgelöst, dass ich sie nicht mehr beeinflussen kann. Für die Ehefrau war ich Samstag länger im Geschäft, für meinen Facebookfreund an seiner Party – wo er mich doch tatsächlich auf einem Bild markiert hat oder das eine Gesichtserkennungssoftware für ihn erledigt hat. Oder beim Krankfeiern ist Pech, wenn jemand in plazes.com eingibt dass er bei mir ist.
Kommentiert am 22-Feb-10 um 2:15 pm | Permalink
Rafael schrieb:
So gut.
Kommentiert am 23-Feb-10 um 9:11 am | Permalink
Daniel Niklaus schrieb:
Selbstverständlich gerne Peter. Mit Grund startete die Geschichte in der Offlinewelt und zeigt auf, wie das Internet einen mühsamen Offline-Prozess optimiert und automatisiert. Technik ist Technik. Wie wir sie anwenden, ist unsere Sache. Gut gibt es eh weniger Überfälle (CH) und Morde (USA), als oft vermutet.
Kommentiert am 25-Feb-10 um 9:10 am | Permalink