Wie Crowdsourcing und schnelle Internetleitungen das Website Geschäft verändern

vor 16 Jahren sass ich noch alleine vor meiner Silicon Graphics Webforce, einem unglaublich teuren, aber unglaublich tollen Computer und erstellte Websites für Kunden. Ein wenig Datenbank, ein wenig Photoshop und ein wenig programmieren genügte für die meisten Projekte. Doch dann stiegen die Kundenbudgets und mit ihnen die Anforderungen. Allein war ich auf verlorenem Posten. Ich brauchte Grafiker, Programmierer und ein Flash-Entwickler musste ebenfalls ausgebildet werden. Die Branche war jung, Spezialisten fehlten und der Markt boomte.

Verglichen mit der Anfangszeit des World Wide Web sind heute eine Unzahl neuer Fähigkeiten in den Internet-Projekten gefragt. Design, Usability, Suchmaschinenoptimierung und Social Media Marketing sind nur eine kleine Auswahl der gefragten Themen. Nutzt eine Internetfirma die Möglichkeiten des Internets, bietet sie dem Kunden die besten Grafiker, einen Firmenbesuch innerhalb von Sekunden und Textübersetzungen in jeder Sprache an. Die Zusammenarbeit über das Internet ermöglicht Dinge, die vor kurzem unvorstellbar waren.

Als wir die letzte Grafikerstelle neu zu besetzen hatten, stellten wir keinen neuen Mitarbeiter ein, sondern wechselten auf Crowdsourcing – die Weisheit der Vielen. 12designer.com ist ein Plattform, auf der über 12’000 Grafiker aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Spanien und Argentinien ihre Vorschläge zu neuen Projekten einreichen. Vor kurzem setzten wir ein Projekt um, das von einer hervorragenden Designerin aus Norddeutschland erstellt wurde. Sie arbeitete bei einer Hamburger Top-Werbeagentur als Lead-Designerin. Normalerweise wäre sie aus Kostengründen für dieses Projekt nie in Frage gekommen. Als sie aber Mutter wurde, kündigte sie ihre Stelle in der Werbeagentur und machte sich von zu Hause aus selbständig. Wie andere Kollegen las sie unsere Ausschreibung auf 12designer.com, reichte ihre Entwürfe ein und sendete uns als Gewinnerin die Photoshopdatei.

Anstatt die Grafik dann selbst in ein Internetformat zu wandeln, lässt man über Nacht den Code von der in Las Vegas ansässigen Firma Psd2html.com umsetzen. Über Nacht ist möglich, weil die Firma Büros an der West-, Ostküste und in Europa betreibt. Das Personal arbeitet über die Zeitzonen praktisch rund um die Uhr. Ist das Design fertig, muss ein gekonnter Text her. Weil Kunden sich oft den Kopf darüber zerbrechen, was sie über sich selbst schreiben, bestellt man bei Supertext.ch den richtigen Texter, der passende Vorschläge erstellt. Für die Umsetzung der Google Ad-Word und Social-Media-Kampagne sucht man erfahrene Leute auf Odesk.com. Dort fanden wir für ein Projekt einen Aussteiger aus Wien, der Jahre in der Schweiz arbeitete und heute in Südafrika lebt.

Wie man in solchen Projekten kommuniziert? Ideen spinnt man mit dem Kunden über das Brainstormingtool Mindmeister.com. Für das Projektmanagement wählt man aus einem der vielen Tools wie Basecamphq.com. Dokumente werden über Dropbox.com ausgetauscht und telefonieren tut man mit Skype. Steht das Projekt, findet die Kundenschulung mit Gotomeeting.com per Fernwartung statt. Damit übernimmt man den Bildschirm des Kunden. Statt komplizierten Erklärungen, wie etwas funktioniert, erarbeitet man die Lösung ohne langen Anfahrtszeiten gemeinsam mit dem Kunden am Bildschirm. Für regelmässig auftauchende Fragen erstellt man auf Youtube Supportvideos.

Werden Projekte dadurch günstiger? Nicht unbedingt, aber sie können für alle Beteiligten besser werden. Die Grafikerin aus Hamburg arbeitet von zu Hause aus und verbringt mehr Zeit mit ihrer Tochter. Der Aussteiger aus Wien sorgt vom Strand in Südafrika aus für mehr Verkäufe und der Kunde ist hochzufrieden mit seiner Website. Stellt sich nur noch die Frage: Was mache eigentlich ich noch hier?

Quelle: Kolumne itmagazine.ch

4 Kommentare

  1. Contra! :-) (und leidenschaftlich ausufernd noch dazu)

    Unterschiedlicher könnte meines zu dem von Dir gepriesenen Vorgehen kaum sein — mache ich doch am liebsten und sofern ich es kann (bei KMU-Sites, Grossaufträge nehme ich gar nicht erst an und bin da höchstens “Frontend”) alles selbst aus einer Hand.
    Die Architektur der Site komplett um die gewünschten Suchbegriffe herum. Der ganze Prozess — am besten noch vor dem Registrieren der Domain — richtet sich nach dem Markt, dem Index, den Keywords.

    Design ist für mich dann Idealfall, wenn ich es Corporate Design nennen kann — und dann Drucksachen, Schaufenster / KFZ-beschriftung, Anzeigen, Logo etc. aus einer Hand und einem Datenstamm machen kann.

    Noch nie habe ich meine eigenen Kunden zuerst mit einem Screendesign aus dem Photoshop konfrontiert sondern immer gleich in HTML und CSS. Ich sage immer noch : wozu?

    Oft setz(t)e ich PSD-Designs um und musste viel erklären, warum das und das und das nicht genau so umzusetzen geht, wie man es sich vorstellte und pixelte.

    Ganz ohne Netzwerken möchte auch ich natürlich nicht arbeiten. Texter und Fotografen sind einfach in ihrem Fach besser. Texter bekommen von mir aber Vorgaben hinsichtlich Keyword-Dichte :-) Und ein CMS kommt nur dann unter die Haube, wenn der Kunde es wirklich braucht und redaktionell aktiv und fit ist. Denn jedes (auch noch so gute) verwässert mir den Code.

    Naja — alles zu seiner Zeit…

    Denn erstmal mach ich mir die Finger schmutzig — und richte mich ein und organisiere einen Neustart, der die Bezeichnung verdient.

    Bist herzlich eingeladen, mein Lieber — schau schonmal in Deinen Terminkalender (ich kann es nicht früh genug sagen :-) !

  2. Dani – lass mich bitte noch ergänzen: ich will keine Diskussion der Marke “ich hab recht”. Im Gegenteil, habe ich doch die schlechtere weil nicht globalisierte / outgesourcte Vorgehensweise… ich bin aber auch nicht Agentur sondern bewusst klein.
    Wenn mein DSL am neuen Standort dann mal geht — lass uns mal einen Hangout machen :-) ??

  3. Danke für die Erwähnung.

    Ich sehe die Vorteile von Crowd- und Outsourcing absolut auch. Das Problem dabei finde ich einfach, auf diesen Plattformen die Streu vom Weizen zu trennen. Wie findet man auf ODesk einen guten und zuverlässigen Programmierer?

1 Trackback / Pingback

  1. passiv lautsprecher

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